Samstag, 28. August 2010

Der Lümmel von der Rückbank


Karlsson geht gern in die Hundeschule. Wenn wir unsere Sachen packen und zum Auto gehen, kündigt er seine Vorfreude durch lautes Bellen an, damit die Nachbarschaft auch ja nicht überhören kann, dass er inzwischen ein Schulhund geworden ist. Während der Autofahrt steigert er sich in ein Freudengeheul hinein, das jedes Radioprogramm im Auto überflüssig macht. An der Hundewiese angekommen, springt er raketengleich aus dem Auto und zerrt wie wild an der Leine, weil er nicht schnell genug zu seinen Hundemitschülern kommen kann. Wenn wir bei den anderen angekommen sind, springt er wie ein kleiner Gummiball herum und teilt durch lautstarkes Kläffen mit, dass es seiner Ansicht nach nun aber mal losgehen kann und zwar sofort. Von allen guten Hundemanieren meilenweit entfernt, benimmt er sich bei seiner Einschulung wie ein Rüpel. Sehr zu meinem Leidwesen.
Er will immer als erster drankommen und wenn er an der Reihe ist, mag er nicht wieder aufhören. Das Erlernen der einzelnen Übungen und Kommandos macht ihm einfach einen Riesenspaß. Er leidet an einer Art Übermotivation und geht damit allen anderen (Menschen und Hunden) furchtbar auf die Nerven. Also muss er erst mal das ABC des guten Hundebenehmens lernen. Mit A wie Abwarten fängt es an. Wir fahren zu Hause erst los, wenn er still ist und an der Hundewiese steigen wir nur aus dem Auto, wenn auf der Rückbank Ruhe herrscht. Wenn er nach dem Aussteigen an der Leine zieht und kläfft, steigt er gleich wieder ein. Auf diese Weise kann es manchmal ganz schön lange dauern, bis wir bei den anderen auf der Wiese angekommen sind. Wenn ein anderer Hund an der Reihe ist, muss Karlsson artig und STILL neben mir sitzen. Beginnt er dann wieder mit seiner ohrenzerfetzenden Kläfferei, geht er zurück ins Auto. Manche Stunde verbringen wir auf diese Weise damit, ständig zwischen Auto und Übungswiese hin und her zu pendeln. Übrigens ohne an der Leine zu ziehen. Zieht Karlsson nach vorne, gehe ich rückwärts, so dass er sich weiter von seinem Ziel entfernt, statt ihm möglichst schnell näher zu kommen. Zwei Schritte vor und zurück zwei, drei. Ähnlich wie ich dabei müssen sich die Rekruten in den ersten Tagen beim Militär auch fühlen.
Die Vergehen derer Karlsson sich während des Unterrichts schuldig macht, sind vielfältig. Ständiges Dazwischenkläffen ohne an der Reihe zu sein, gehört noch zu den harmloseren. Er gibt der Trainerin leider auch laut drohend knurrende Widerworte, wenn sie ihn zur Ordnung ruft oder klaut Wölkchen, der weißen Pudeldame, ihren Futterdummy, den er erst nach quälenden zwanzig Minuten wieder rausrückt, die sich allerdings wie zwei sehr lange Stunden anfühlen, während derer ich ihm fortlaufend sehr energisch und mit zunehmender Lautstärke ins Gewissen rede. Das gibt natürlich einen Tadel ins Klassenbuch. Sechs, setzen. Und zwar auf die Autorückbank.
Das ist alles ganz schön mühsam. Und manchmal auch richtig peinlich. Wenn man mit einem kleinen kläffenden, knurrenden, hüpfenden und wirklich rundherum widerspenstigen Terrier auf der Wiese vor und zurück marschiert, während die anderen Hunde formvollendet bei Fuß gehen und man von ihren Menschen womöglich noch mit mitleidigen Blicken à la „Ach die Arme kommt ja ü b e r h a u p t nicht mit ihrem Hund zurecht“ bedacht wird, dann habe ich schon mal ganz kurz darüber nachgedacht, Karlsson zur Adoption frei zu geben. Aber eines Tages zeigt das Prinzip der „stillen Treppe“ tatsächlich seine Wirkung. „Karlsson hat heute noch gar nicht gemeckert“, stellt die Hundetrainerin plötzlich fest. Und tatsächlich, es wird von Mal zu Mal stiller an meiner Seite. Und seit er (meistens) bereit ist, sich an unsere Spielregeln zu halten, gehe ich auch ganz gern in die Hundeschule.
Natürlich ist er immer noch nicht jedes Mal mit dem Ablauf der Übungsstunden einverstanden. Aber er ist ja lernfähig und zeigt sein Missfallen inzwischen auf subtilere Weise. Statt uns empört anzubellen, setzt er sich jetzt so hin, dass er allen den Rücken zuwendet und niemanden angucken muss. Er straft uns einfach mit Desinteresse. Wenn nicht mit Schlimmerem. Wenn er einem so demonstrativ seine Kehrseite zuwendet, denke ich manchmal, er kennt den Götz von Berlichingen. Bei Karlsson kann man sich nie zu sicher sein.

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