Montag, 9. August 2010

Der weltbeste Welpe

Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg - Karlsson besucht den Nachbarshund
Als Karlsson im Alter von acht Wochen bei uns einzieht, wiegt er etwa zwei Kilo und ist kaum größer als ein Meerschweinchen. Gut, seine Beine sind etwas länger als bei Meerschweinchen üblich, aber sonst ist er wirklich winzig. Egal wie groß oder klein, für sein Herrchen ist er nach wie vor der weltbeste Welpe. Die Töchter nennen ihn Zwergenhund oder rufen bisweilen auch liebevoll „Zwergi“, wenn wir mal wieder auf der Suche nach dem Winzling sind. So ein kleines Hündchen kann nämlich in einem turbulenten Haushalt wie dem unseren ganz schnell mal abhandenkommen.
Karlsson will einfach nicht verstehen, dass diese kleinen kuscheligen Decken und Körbchen, mit denen wir das Haus dekoriert haben, als Hundeschlafplatz gedacht sind. Bestenfalls schläft er tagsüber noch neben dem Korb, keinesfalls aber darin und meistens dort, wo wir ihn gar nicht vermuten. Zum Beispiel unter dem Urlaubsgepäck der Kinder, das im Wintergarten für die Abreise bereit steht oder im Garten neben der Gießkanne. So sehr wir uns auch bemühen, ihn im Auge zu behalten, begleitet uns doch bald die Frage „Wo ist der Hund?“ durch den Tag und die darauffolgenden Suchaktionen werden fester Bestandteil der täglichen Routine. Manchmal rufen die Nachbarskinder: „Da ist ja der kleine Wollhund!“ (weil Karlsson so ein puscheliges Welpenfell hat), dann weiß ich, wo ich ihn finden kann. Manchmal dauert die Suche länger.
Mit der Zeit lernen wir seine Vorlieben kennen. Winzig wie er ist, passt er problemlos unter dem Gartenzaun durch und ist gern entweder beim Nachbarn zur Linken, um das kleine weiße Havanesermädchen zu besuchen oder beim Nachbarn zur Rechten, weil ihn die bunten Eimerchen und Schaufeln in der Sandkiste des Nachbarjungen hinüber gelockt haben. Einmal hat er sich allerdings im Spielhaus des Nachbarkindes versteckt, um darin an einem bunten Ball zu nagen. Das erfordert dann schon eine ausgedehntere Suchaktion. Tröstlich ist, dass es anderen Hundehaltern auch nicht besser geht als mir. Eines Abends schleichen fremde Gestalten durch unseren Garten, die sich als die Nachbarsfamilie zur Linken entpuppen auf der Suche nach ihrem kleinen Havaneser, der Karlsson gerade einen Gegenbesuch abstattet. Fortan tauschen wir noch ein paar Mal unsere Hunde über den Zaun hinweg aus, was gar nicht so einfach ist, weil der Zaun etwa einen Meter achtzig hoch ist. Wir lernen uns in diesen Tagen besser kennen als in all den Jahren vorher und bald sind wir dank Hunden trotz der Sichtschutzelemente gute Bekannte und treffen uns auf der Apfelwiese hinter unseren Häusern, um unsere Hunde miteinander spielen zu lassen. Der Nachbar versucht, die Lücke unter dem Zaun mit Kaninchendraht abzudichten, ich halte mit Brennholz dagegen, dass ich in die Zaunlücken stopfe. Trotzdem gelingt es den Hunden noch ein paar Mal, unsere Grenzbefestigungsanlagen zu durchbrechen und in den Nachbargarten zu entwischen.
Um nicht den ganzen Tag mit Suchen zu verbringen, beginne ich, Karlsson auf das Signal mit der Hundepfeife zu trainieren. Jedes Mal, wenn er Futter bekommt, pfeife ich. Und er bekommt oft Futter. Der Fütterungsplan der Züchterin sieht für den Anfang noch sechs Mahlzeiten vor. Er verbindet den Pfeifton sehr schnell mit seinem gefüllten Napf und kommt wie der Blitz angeschossen, wenn er die Pfeife hört. Jedenfalls bis zur nächsten Treppenstufe. Die zahlreichen Stufen und Treppen in unserem auf mehreren Ebenen gebauten Haus schafft er nämlich noch nicht allein. Da kann ich ihn dann abholen. Als wir die Sache mit dem Pfeifsignal am Wochenende Karlssons Herrchen vorführen, ist er ganz begeistert. Der weltbeste Welpe hat schon was gelernt! „Er ist ein Held“, sagt der Mann mit andächtiger Stimme und verklärtem Blick auf seinen Hund, der derweil ungerührt auf den Teppich pinkelt. Da hilft leider kein Pfeifsignal.
Nach jeder Mahlzeit und jedem Schläfchen muss man Karlsson blitzschnell nach draußen expedieren, denn dann ist mit Sicherheit ein Pfützchen fällig. Oder ein Häufchen. Um den Welpen stubenrein zu bekommen, sollte man sich eine gefaltete Zeitung griffbereit legen und jedes Mal, wenn er ein Malheur in die Wohnstube macht, zur Zeitung greifen, sich selber damit drei Mal auf den Kopf schlagen und laut sagen: „Ich bin ein schlechter Hundeführer, ich habe den Welpen nicht rechtzeitig rausgebracht.“ Wenn es dem Welpen gelingt, die Pfütze draußen auf dem Rasen zu hinterlassen, wird er ausgiebig gelobt. Nach kaum vier bis fünf Monaten brummt mir vom ständigen Hauen mit der Zeitung der Schädel, aber Karlssons Meinung zur Stubenreinheit ist einigermaßen gefestigt. Wenn man nicht vorausschauend genug ist, heißt es bis dahin eben wischen, wischen, wischen…
Die Tage mit dem Hundewelpen sind sehr kurz. In den Wischpausen muss man schließlich das Welpenfutter anrühren, um nach dem Essen wieder zu wischen. Außerdem möchte das Hundekind beschäftigt werden, es braucht Spiel, Spaß und Spannung. Weil es ein sehr warmer Sommer ist, haben wir ein Planschbecken aufgestellt und Karlsson gezeigt, wie er daraus kleine gelbe Plastikenten apportieren kann. Na ja, er apportiert sie nicht wirklich, er fischt sie aus dem Becken und köpft sie anschließend unter dem Fliederbusch. Wenn er müde von der Entenjagd ist, sucht er sich ein Schlafplätzchen. Das macht er natürlich immer dann, wenn ich gerade nur ganz kurz ins Haus gegangen bin und dann suche ich ihn wieder, bis ich ihn schlafend zusammengerollt im Schatten unter den großen Blättern der Bergenie finde. Schon ist es Zeit für die nächste Mahlzeit und alles geht von vorne los.
Zwischendurch setze ich Karlsson in meinen Fahrradkorb oder in eine große Einkaufstasche, damit er Lotta und mich auf unseren Spaziergängen begleiten kann. Zu Fuß schafft er das nämlich noch nicht. Das alles kann ganz schön anstrengend sein und ich bin froh, dass Karlsson dank der sechs Mahlzeiten täglich tüchtig wächst und die Treppenstufen inzwischen allein bewältigen kann. Zuerst nur treppab, aber bald auch treppauf. Eines Tages sind seine vier Beine lang genug, um uns auf unseren Ausflügen zu begleiten und die Einkaufstasche kann wieder ihre eigentliche Aufgabe erfüllen und statt Hund unsere Einkäufe transportieren.
Die Anzahl der täglichen Mahlzeiten konnten wir inzwischen auf drei reduzieren. Karlsson ist so groß, dass er nicht mehr unter dem Zaun durch passt und sich nicht mehr ungesehen in meinem Hausschuh verstecken kann. Manchmal geht er unaufgefordert in den Garten, um auf den Rasen statt ins Wohnzimmer zu pinkeln. Er kommt freudig angelaufen, wenn man nach ihm ruft oder pfeift. Er kann für kurze Zeit alleine bleiben, ohne dass Wohnzimmer umzudekorieren. Und er weint nicht mehr, wenn wir ihn in seinen Welpenlaufstall sperren. Stattdessen beschäftigt er sich dort still und geduldig, bis wir wiederkommen und ihn hinauslassen. Er badet in aller Seelenruhe seine Spielzeuge im Wassernapf und frisst durch die Gitterstäbe hindurch ein hübsches Zackenmuster in die Sockelleiste unseres Wohnzimmerschranks. Ganz klar: Aus dem Zwergenhund wird langsam aber sicher ein Heldenhund. Und es wird Zeit für neue Herausforderungen. Wir werden ihn in der Hundeschule anmelden.

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