Donnerstag, 14. Oktober 2010

Bringt eure Hunde mit ins globale Dorf!


Vor einigen Tagen schickte mir eine liebe Freundin einen jener E-Mail-Anhänge, die mal Witziges oder auch Heiter-Besinnliches enthalten. Diesmal war es eine Bildschirmpräsentation, die mir vorrechnete, was passiert, wenn man die Weltbevölkerung – unter Berücksichtigung der bestehenden Verhältnisse- auf ein globales Dorf mit hundert Einwohnern reduziert.
Ich nahm also zur Kenntnis, dass sechs von den hundert Einwohnern 59 Prozent des gesamten Besitzes auf sich vereinen würden. Alle kämen aus den USA. „Zu den Reichen würde ich schon mal nicht gehören“, dachte ich beim Lesen, „Bin ja keine Amerikanerin“. Nur einer von Hundert hätte einen Computer und auch nur einer einen Hochschulabschluss. Wäre ich einer von beiden? Wahrscheinlich nicht, da sowohl der Computerbesitzer als auch der Akademiker vermutlich unter den reichen Amerikanern zu finden wären. Ich würde also zum traurigen Rest gehören. Zu den armen Verwandten. „Wenn ich schon ohne akademischen Grad und Laptop wäre, dann will ich wenigstens einen Hund haben im globale Dorf“, schoss es mir durch den Kopf. Aber ich suchte vergeblich nach der Anzahl der Hundebesitzer und ihrer Verteilung. Darüber gab die Statistik leider keine Auskunft. Keine Hunde? Ohne Hochschulabschluss oder Computer kann man zur Not ja leben. (Oder macht Ihr Computer Sie etwa glücklich? Wenn ja, brauchen Sie jetzt eigentlich nicht mehr weiter zu lesen.) Aber ohne Hund? Das wäre wirklich traurig.


Ich hätte zum Beispiel nur noch halb so viele Klamotten im Schrank. Meine Hunde haben über die Jahre dafür gesorgt, dass ich praktisch meine gesamte Garderobe auch noch in schmutzkompatiblen Farben von schlammbeige bis erdgrün besitze. Und außer netten Stiefeletten und Pumps habe ich eine Kollektion von Wander- und Gummistiefeln im Schuhschrank. Und wind- und wetterfeste Anoraks an der Garderobe. So stapfen wir Hundehalter mit den als Schutz vor Zecken in die Socken gestopften Hosenbeinen und dem Südwester auf dem Kopf Feldwege entlang, von denen Menschen ohne Hund nicht mal wissen, dass es sie gibt. (Jedenfalls nicht, solange sie nicht auf irgendeiner Nordic Walking Route eingezeichnet sind.) Eleganz ist also nicht gerade unsere Stärke, eher Zweckmäßigkeit. Bei meinen zu erwartenden bescheidenen Lebensumständen im globalen Dorf sicher ein Vorteil.


Kommt ein Hund ins Haus, ändert sich nicht nur die Garderobe. Möbel werden gerückt, damit die Hundebetten Platz haben. Ja, Betten. Mehrere. Hundehalter halten Hundekörbe selbstverständlich für dekorative Einrichtungsgegenstände. Darf der Hund aufs Sofa? Schon liegt eine Hundedecke auf der Designercouch. (Der Hund liegt später natürlich trotzdem neben der Decke und hinterlässt Schmutz und Haare auf den Polstern.) Wir betrachten noch einmal unsere Teppiche (besonders die hellen). Nie werden sie wieder so sauber sein wie sie einmal waren. Die offenen Stufen der elegant geschwungenen Freitreppe werden mit Sperrholz vernagelt, damit sich kein Welpe in den Tod stürzen kann und in die Küchentür kommt ein Kindergitter. Wie „Schöner Wohnen“ sieht es jetzt nicht mehr aus. Schlimmer kann es im globalen Dorf auch nicht sein. Und der Hund verzichtet gern auf seine drei Körbchen und den kuscheligen Badezimmerteppich, da er sich sowieso lieber ein Bett mit uns teilt. Wir wären global gesehen sicher arm, aber nicht einsam in kalten Nächten.
Urlaubsreisen ohne Hund machen wir nur ungern oder gar nicht. Bei Flugreisen haben wir ein schlechtes Gewissen, auch wenn der Hund inzwischen bei Oma verwöhnt wird. Wir haben längst gelernt, dass freiwillige Einschränkungen ein Gewinn sein können.
Und dann das: Im globalen Dorf benimmt sich der Hund genauso schlecht wie zu Hause. (Also Karlsson bestimmt!) Der Suchhund für Blumenzwiebeln verwandelt unser schönstes Gartenbeet in eine Kraterlandschaft. Unseren Besuchern präsentiert er schwanzwedelnd unsere Unterhosen, die er aus dem Wäschekorb im Keller ausgegraben hat und wenn er mal kurz allein bleiben muss, nagt er leider die Beine unserer Küchenstühle an. Um das Maß voll zu machen, klaut er dem Nachbarskind das Würstchen aus der Hand und das ständig abgewickelte Toilettenpapier, das durch unsere Badezimmer mäandert, ist spätestens beim fünfzigsten Mal auch nicht mehr lustig. Es fällt uns schwer, darin unsere eigenen Fehler zu erkennen. Wenn wir etwas ändern wollen, müssen wir uns ändern. Das wissen wir schon lange.
Unsere Tage mit Hund sind strukturiert, wir können uns nicht hängen lassen. Wir verbringen viel Zeit im Freien. Und wir genießen es. Wir sind der Natur mit einem Mal wieder sehr nahe. Tausend Gedanken rennen beim Laufen durch den Kopf. Manchmal finden wir Antworten auf Fragen, die wir uns noch gar nicht gestellt haben.
Ich wusste zum Beispiel sofort, dass ich mindestens die Eine unter den Hundert mit dem Hund sein möchte. Ohne Hund ins globale Dorf? Niemals! Dafür können die Amerikaner gern den Computer und den Hochschulabschluss unter sich aufteilen. Dem Hund wär egal, wenn ich vielleicht statistisch gesehen zu den achtzig Armen im Dorf oder zu den siebzig Ungebildeten gehören würde. Er würde abends nach einem harten Tag trotzdem vertrauensvoll seine kleine, kalte, feuchte Nase in meine Handfläche bohren, damit ich ihm die Ohren kraule. Das ist mehr als man von einem Computer erwarten kann. Mit Hochschulabschluss oder ohne.

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