Dienstag, 5. Oktober 2010

(Leinen)zwang zur Erholung


Kürzlich machten wir Urlaub auf einer beliebten Ferieninsel in der Nordsee. Ein Ferienhaus für zwei Menschen und zwei Hunde zu finden, war kein Problem. Die Ferienhausvermieter erwiesen sich als recht hundefreundlich. Fröhlich bezogen wir unser kuscheliges kleines Reetdachhaus und fühlten uns sofort wohl. Lotta und Karlsson hatten ihre eigenen Hundebetten dabei und fühlten sich sogar noch wohler als wir Menschen, denn sie mussten sich nicht an fremde Matratzen gewöhnen. So sprangen die Hunde morgens munter aus den Kissen, während wir eine Weile brauchten, um unsere verspannte Rückenmuskulatur in eine aufrechte Haltung zu zwingen.
Nach einer heißen Dusche und einem ausgiebigen Frühstück gelang uns der aufrechte Gang einigermaßen schmerzfrei und wir brachen auf, um die Gegend zu erkunden. Erfreut stellten wir fest, dass die grandiose Dünen- und Strandlandschaft zu endlosen Spaziergängen verlockte. Allerdings mit einer Einschränkung. „ Hunde sind immer an der Leine zu führen!“ mahnten zahlreiche und wirklich nicht zu übersehende Schilder. Das überraschte uns zunächst, denn die Landschaft schien groß und weit und für jeden genug Platz zu bieten. Allerdings stellte sich auf Nachforschung heraus, dass die Anzahl der von Hunden zu Tode gehetzten Schafe und der gerissenen Seevögel jedes Maß überstieg und wirklich nicht mehr von Einzelfällen gesprochen werden konnte. Also dachte die Tourismusbehörde „Wehret den Anfängen“ und verfügte „Hunde an die Leine“. Sogar an den als Hundestrand gekennzeichneten Strandabschnitten gab es keine Ausnahme.
„Schade“, dachte ich erst mal, „Hier ist so viel Platz, die Hunde könnten hier so schön laufen.“ Bei dem Wort „laufen“ machte mir als erstes Lotta einen Strich durch die Rechnung. Wenn sie nur „Spaziergang“ hörte, fing sie schon an zu humpeln. Und wir mussten wirklich einsehen, dass sie in ihrem hohen Alter keine langen Strandwanderungen mehr bewältigen kann. Also trug der Mann Lotta Huckepack und zwar im Rucksack. Lotta fand das großartig. Der ohnehin schon von der Ferienbettmatratze geschundene Rücken von Lottas Herrchen fand es, glaube ich, nicht ganz so toll. Aber mit einem treuen Blick aus feuchten braunen Hundeaugen bringt Lotta immer noch jedes (Männer)Herz zum Schmelzen… Der Mann mit Lotta im Rucksack wurde übrigens ein beliebtes Fotomotiv, nicht nur bei mir, sondern auch bei den anderen Touristen, die genau wie wir Strand und Dünen durchwanderten. Auf die Idee, einen alten Hund im Rucksack durch die Gegend zu tragen, schien außer uns noch niemand gekommen zu sein. (Oder die Ferienbettmatratzen der anderen Touristen waren noch problematischer und deren Rückenleiden entsprechend schlimmer.)
Lotta war also fein raus. Leine oder nicht Leine war für sie überhaupt keine Frage mehr. Blieb noch Karlsson. Den befestigten wir einfach an einer fünf-Meter-Schleppleine. Damit hatte er ausreichend Bewegungsspielraum, war aber im Ernstfall unter Kontrolle. Möwen und Lämmer jagen unmöglich. Und schon nach kurzer Zeit stellte ich fest, wie entspannt die Hundespaziergänge waren. Wir konnten nicht nur unerwünschte Jagdausflüge rechtzeitig verhindern, auch andere bei Karlsson beliebte Freizeitaktivitäten wie das Wälzen in toten Seehunden oder Altölresten konnten unterbunden werden. Gefahr erkannt, Gefahr gebannt, kann ich da nur sagen. Und bald merkte auch Karlsson, dass er jederzeit von uns kontrolliert werden konnte und gewöhnte sich an, VORHER um Erlaubnis zu fragen. Er rannte also nicht mehr wie wild in die Leine, um eine Möwe aufzuschrecken, sondern sah die Möwe an, drehte sich um, sah uns an und blieb schließlich mit hängenden Ohren stehen, wenn er von uns ein „Nein“ zu hören bekam.
Es ist ja nicht so, dass er vorher nie gehorcht hätte, aber wenn er nicht wollte, konnte er uns im Ernstfall schon entkommen. Es gab da vor dem Urlaub eine Episode, an die ich gar nicht gern denke. Da konnte Karlsson mir (weil nicht angeleint) auf die nächst gelegene Kuhweide entwischen. Unglücklicherweise war er dort nicht allein unter Kühen. Der Bauer und sein Gehilfe waren gerade damit beschäftigt, ein Kalb einzufangen. Den Spaß wollte Karlsson sich nicht entgehen lassen und half bei der Kälberjagd kräftig mit. Ich will hier gar nicht wiederholen, was der Bauer dazu zu sagen hatte… Als Karlsson endlich zu mir zurück kam, sah ich mich jedenfalls genötigt, mich in aller Form bei dem Landwirt zu entschuldigen und Karlsson drohte ich damit, ihn beim Polizeihundesportverein anzumelden, falls er sich nicht bessert.
Die Episode auf der Kuhweide hat mir allerdings auch gezeigt, dass die Überzeugung „Mein Hund macht so was nicht“ reines Wunschdenken ist. Mein Hund Karlsson macht alles Mögliche, wenn er die Gelegenheit dazu hat. An der Schleppleine hat er die nicht. Und beinahe das Schönste: die anderen Hunde auch nicht. Das Leinengebot wurde auf unserer Ferieninsel eigentlich durchgängig befolgt. Damit entfielen auch die Rufe der entgegenkommenden Hundebesitzer „Ist das ein Rüdää?“ Und anschließendes hektisches Einfangen und Anleinen der Hunde, weil es sonst womöglich zu einer Rauferei gekommen wäre. Wenn man –wie wir- mit einem durchaus selbstbewussten Terrier unterwegs ist, der zwar von sich aus keinen Streit anfängt, aber auch keiner Auseinandersetzung aus dem Weg geht (nach dem Motto: Komm doch her, wenn du was willst!), dann kann es schon mal sein, dass der Hund nicht spielen, sondern beißen will. Wenn alle Hunde angeleint und dadurch mehr oder weniger zum artig sein gezwungen sind, kann das auch ganz erholsam sein. Und deswegen fährt man doch schließlich in den Urlaub. Wenn Sie sich auch mal so gut erholen wollen wie wir und ganz nebenbei noch ihren Hund erziehen wollen, dann fahren Sie doch auch mal nach Sylt. Ist echt schön da.

1 Kommentar:

  1. Bei uns schüttet es und ich lese immer mal wieder gerne bei Euch, die wirklich sehr guten Artikel. Ich laufe überwiegend frei - aber Leine und Schleppleine kenne ich durchaus. "Rüüüdäää?" Dieser Zuruf aus großer Entfernung - wie wir das hassen! Aber nun - Herzliche Grüße in den Urlaub hinein!

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