Donnerstag, 21. Oktober 2010

Macho, Macho...


Es soll Frauen geben, denen es gelingt, sich in gewissen Lebensbereichen zumindest zeitweise mit einem Macho an ihrer Seite zu arrangieren. Ich gehöre nicht dazu. Auch nicht, wenn der Macho an meiner Seite ein vierzig Zentimeter großer und neun Kilo schwerer Terrier ist. Karlsson selbst misst seine wahre Größe ohnehin nicht in Zentimetern. Jetzt – mit knapp eineinhalb Jahren- hält er sich sowieso für den Größten und gibt mir mindestens zehn Mal am Tag zu verstehen, dass er bereit ist, die Führung unseres kleinen Rudels zu übernehmen.
Er geht nicht nur ständig ungefragt dazwischen, wenn ich mit Fremden rede (Stellen Sie sich mal vor, dass würde Ihr Partner tun! Da wären Sie doch längst bei der Paartherapie!), er setzt sich abends ungebeten aufs Sofa, wenn ich fernsehe und hat entschieden was gegen Fremde in unserem Haus. Um im Winter nicht im Kalten zu sitzen, war ich neulich gezwungen, einem Heizungsinstallateur Zutritt zu unserem Haus zu gewähren. Karlsson übernahm ungefragt die Rolle des Hausherrn. Er folgte dem Handwerker durch alle Räume, saß stets wachsam hinter ihm und passte genau auf, dass ich dem Mann nicht zu nahe kam. Schließlich hatte ich leichtfertig einen Fremden in unser Heim eindringen lassen und wer weiß, was passiert wäre, wenn Karlsson die Lage nicht kontrolliert hätte. Dass ich dazu sehr wohl selbst in der Lage gewesen wäre, kam ihm offenbar gar nicht erst in den Sinn.
Tags drauf kam der Fensterputzer und ich wollte Karlsson beweisen, dass ich selber mit diesem Eindringling fertig werde. Also sperrte ich den Hund hinter eine Kindergittertür in die Küche. Von dort aus konnte er zusehen, wie ich gelassen und souverän den Fensterputzer durch das Haus begleitete, ohne dass wir uns gegenseitig an die Gurgel gingen. Schließlich mussten die Küchenfenster geputzt werden und der Mann fragte, warum der arme Hund denn hinter Gittern sitzen müsse. Ich versuchte, dem Fensterputzer meine Hundeerziehungsmaßnahme zu erklären. Er dachte eine Weile darüber nach und meinte dann, nun wäre der Wintergarten zu putzen und dort könne er sich ja selber einsperren, dann könne der Hund doch endlich wieder frei im Haus herum laufen. Sprach‘s und entließ Karlsson aus seinem Küchengefängnis. Was soll ich sagen? Natürlich saß der Hund den Rest des Tages vor der Wintergartentür und passte auf, dass der Fensterputzer dort möglichst nicht mehr lebendig heraus kam.
Aber nicht nur im Haus lässt Karlsson Zweifel an meinen Kompetenzen laut werden. Wachen, jagen, raufen heißt seine Devise und so gibt er mir auch draußen unzweifelhaft zu verstehen, dass er bereit ist, die Führung zu übernehmen. Dafür sucht er sich gern den Moment aus, in dem ich ihn anleinen will. Dann springt er aus meiner Reichweite und lässt sich nicht einfangen. Denn wenn ich ihn an der Leine habe, habe ich ihn in der Hand. Das weiß er ganz genau. Und das gilt es zu verhindern. Laut kläffend umspringt er mich und versucht, mich durch draufgängerisches und offensives Verhalten zu beeindrucken. Macho eben. Wer von uns beiden hier eigentlich wem die Welt erklärt, ist aus seiner Sicht noch längst nicht entschieden.
Wie reagieren? Schimpfen und Schreien sind nutzlos, wie jeder echte Macho akzeptiert Karlsson nicht so ohne weiteres ein „Nein“ von Frauen. Also entscheide ich mich dafür, den Spaziergang sofort abzubrechen, gehe schnurstracks und ohne den Hund eines Blickes zu würdigen nach Hause. Dort sperre ich ihn ohne Umschweife in sein Küchengefängnis. Die Botschaft ist klar: So nicht.
Den angebrochenen Spaziergang setzen Lotta und ich ohne Karlsson fort. Lotta ist irritiert, sie guckt sich dauernd um als wolle sie sagen, da fehlt doch was. Haben wir nicht was vergessen? Dann treffen wir einen anderen vierbeinigen an momentaner Selbstüberschätzung leidenden Raufbold, der Lotta wild an der Leine zerrend ankläfft. Und unsere Lotta, die es in ihrer Jugend mit jedem (und ich meine wirklich jedem) Hund aufgenommen hat, kneift den Schwanz ein und zieht nach Hause. Ohne ihren Sicherheitsterrier geht sie hier keinen Schritt weiter. Sieh da, ihr fehlt unser kleiner Raufer, der sich jetzt mit Sicherheit machomäßig in die Brust geworfen hätte, um den anderen über den Haufen zu rennen.
Zum Nachmittagsspaziergang nichts Neues: Karlsson sieht die Leine und sagt „Nein danke“. Als Antwort zeige ich ihm noch einmal sein Küchengefängnis und frage ihn, ob er auch den restlichen Nachmittag da drin verbringen möchte. Er lässt sich kommentarlos anleinen und ist für den Rest des Tages ein unglaublich braver Hund. Manchmal brauchen Machos eben Nachhilfestunden, damit sie wieder wissen, wo sie stehen, was sie sich zutrauen können und auch, was sie lieber bleiben lassen sollten. Und ihre Menschen brauchen Humor, Geduld und das feste Vertrauen darauf, dass die Zeiten auch wieder besser werden.

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