Dienstag, 2. November 2010

Hunde brauchen unser gutes Vorbild!

Neulich schlenderte ich gemütlich mit Lotta einen Wanderweg entlang, wir drehten eine kleine, ruhige Seniorenrunde – extra auf die Bedürfnisse einer fast fünfzehnjährigen Hundeoma zugeschnitten- und hatten Karlsson deshalb zu Hause gelassen. Es sollte ja –wie gesagt- ein ruhiger Spaziergang werden. Nach kurzer Zeit jedoch wurden wir schon von einer entgegenkommenden Hundebesitzerin furchtbar angeschrien. Wir waren uns gar keiner Schuld bewusst und fühlten uns deshalb zunächst auch nicht angesprochen (Lotta sowieso nicht, sie hört ja nicht mehr so gut). Im Näherkommen verstand ich nach einiger Zeit auch, was die Dame schrie. Ich solle aber sofort mal meinen Hund an die Leine nehmen, das gebe sonst Ärger!

Mir war nicht recht klar, was sie damit meinte. Leinenzwang herrschte auf dem Wanderweg nicht und Lotta hat noch nie einer Menschen- oder Hundeseele etwas zu leide getan und sie sieht auch wirklich nicht gemeingefährlich aus. Sie klebt beim Spazierengehen neuerdings immer an meinen Fersen, um mich nicht zu verlieren (sie sieht ja auch nicht mehr so gut). So bin ich immer mit einer kleinen Fußfessel unterwegs und muss aufpassen, dass ich nicht auf meinen eigenen Hund trete. Lottachen machte also nicht mal den kleinsten Versuch, der Dame und ihrem Hund zu nahe zu treten. Es nützte aber nichts, die Dame schrie immer lauter und aufgebrachter, ich wolle wohl Ärger und sie hätte mich jetzt aber gewarnt und nun solle ich doch endlich meinen Hund anleinen, sonst könne sie aber für gar nichts mehr garantieren. Dabei blieb sie die ganze Zeit an den Wegesrand gedrückt stehen und hielt ihren Hund an kurzer Leine.

Als Lotta und ich auf gleicher Höhe waren, wollte ich die Dame eigentlich fragen, was das Problem sei, da fing ihr kleiner Puschelhund schrecklich an zu kläffen und zu knurren und riss zähnefletschend an seiner Leine, sein Frauchen wurde bleich vor Schreck und schrie jetzt wie am Spieß, sie habe mir ja gesagt, dass es Ärger gebe!

Lotta und ich sind dann einfach an ihr vorbei gegangen (unangeleint übrigens). Ihr Hund beruhigte sich ziemlich schnell wieder. Ich wollte nicht noch einmal umdrehen, zweifellos hätte das ganze Theater wieder von vorn begonnen, aber ich hätte die Frau doch gern gefragt, wie ihr Hund denn ruhig und gelassen bleiben soll, wenn sie so ein Geschrei macht. Ich finde, das ist zu viel verlangt. Was soll das arme Kerlchen denn denken, wenn sein Frauchen sich fast in den Stacheldraht der Kuhweide quetscht, die den Weg begrenzt, und dabei noch laut schreit? Man kann es dem Hund doch nicht übel nehmen, wenn er zu der Überzeugung gelangt, dass ihm wohl gerade ein paar besonders üble Gesellen entgegenkommen und er nach Kräften versucht, seinen Menschen mit Gebell bei der Vertreibung des Gesindels zu unterstützen.

Auch Karlsson neigt manchmal dazu, an anderen Hunden einen fiesen Charakterzug zu wittern und meint dann, er müsste sich schützend vor Lotta und mich werfen. Ich grüße deshalb alle anderen Hundebesitzer mit einem fröhlichen „Hallo!“ und spreche nach Möglichkeit fremde Hunde an, bevor Karlsson das tun kann. Kurz: Ich tue alles, um meinem Hund das Gefühl zu vermitteln, dass ich bestens mit Mensch und Tier zurechtkomme und dabei seiner Unterstützung nicht bedarf.

Manchmal treffen wir natürlich trotzdem Menschen und Hunde, die uns nicht sympathisch sind. Die kann man dann immer noch nach Kräften ignorieren und einfach weiter gehen. Damit gibt man dem Hund Gelegenheit, einem zu folgen, ohne dass er sein Gesicht verliert und der andere Hund ihn für einen Versager hält, weil er sich nicht in eine Rauferei stürzt.

Hunde orientieren sich nicht an dem, was wir sagen (das allermeiste davon verstehen sie sowieso nicht), sondern an dem, was wir tun. Hunde beobachten uns den ganzen Tag und sie haben ein fantastisches Gespür für unsere Stimmungen. Aus dem, was sie sehen und spüren, machen sie sich ein eigenes Bild von dem Menschen an ihrer Seite. Schon deshalb sollte man sich öfter mal fragen, was der Hund eigentlich sieht, wenn er uns anguckt…

„Das Recht zu befehlen ist nur eine Beigabe der Vorbildlichkeit“, hat der spanische Philosoph José Ortega y Gasset einmal gesagt. Lotta lebt inzwischen fast fünfzehn Jahre bei uns. Während dieser Zeit hatte sie ausreichend Gelegenheit, Vertrauen in uns zu fassen und zu der Überzeugung zu kommen, dass wir die Dinge schon richten werden. Bei Karlsson, der erst knapp eineinhalb Jahre alt ist, ist da eben noch ein bisschen Überzeugungsarbeit zu leisten.
Ich versuche deshalb oft, mich mit den Augen meines Hundes zu sehen und überlege, welchen Sinn mein Handeln für ihn ergibt. Wenn in unserer Beziehung etwas ins Ungleichgewicht gerät, weiß ich inzwischen, dass ich einzig und allein bei mir nach den Ursachen dafür suchen muss, denn Karlsson hat meine schwachen Stellen bereits lange vor mir entdeckt - und ausgenutzt! Wahrscheinlich kennt er mich jetzt schon besser als ich mich selbst.

Aber ich gebe nicht auf. Schließlich will ich nicht so enden wie die Dame, die meine Schwiegermutter einmal im Wald traf. Sie verlangte rundheraus: „Leinen Sie Ihren Hund an, meiner kann nämlich nicht gehorchen!“. Dem fehlte dann wohl das gute Vorbild.

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