Freitag, 1. April 2011

Randalieren statt apportieren

Karlsson schmeißt mir seinen Dummy im Vorbeilaufen knurrend vor die Füße. Was er damit sagen will: Wirf den noch einmal weg und du kannst ihn selber zurück holen! Irgendwie haben wir seit Tagen verschiedene Vorstellungen von unserer Freizeitgestaltung. Ich bin nach wie vor ganz zufrieden mit unseren Apportier- und Versteckspielen, aber Karlsson meint, das Leben sei kein Robinson Club und meine Animation ginge ihm auf die Nerven. Er verschwindet auf der nächsten Wiese, um dort seinen eigenen grenzwertigen Interessen nachzugehen.
Hasenköttel suchen und fressen zum Beispiel. Ich winke ihm traurig mit dem Dummy hinterher.

Schon beim Aufstehen hat Karlsson diesen Blick: Hey, lass uns lieber losgehen, lass uns heute noch das Ding drehen… Bei unserer Morgenrunde kommt ihm Welpe Theo in die Quere und der vier Monate alte Golden Retriever hat prompt das Pech, dieselbe Luft zu atmen wie Karlsson, kriegt ordentlich auf die Glocke und fliegt anschließend im hohen Bogen in den Graben. Theos Frauchen hat null Verständnis dafür, dass fast zweijährige Terrierrüpel gelegentlich von Allmachtsfantasien heimgesucht werden und lässt ihren Unmut darüber an mir aus. Ich gebe die Schelte an Karlsson weiter, aber der zuckt nur mit den Schultern.
In der Hundeschule wird es auch nicht besser. Alle Hundekollegen bewähren sich glänzend in der Krisensituation, die von unserer Hundeerziehungsberaterin liebevoll mittels eines toten Wildschweinfells nachgestellt wird. Karlsson sabotiert wiederholt den Übungsaufbau. Als wir wegen fortgesetzten Ungehorsams vom Platz verwiesen werden, frage ich ihn: „Was soll nur aus dir werden?“ Aber er meint ungerührt, er könne ja immer noch als Straßenhund nach Rumänien gehen. Na toll.
Man kennt ähnliches Verhalten von pubertierenden Kindern, die einfach alles blöd finden, die Mitarbeit verweigern und für rationale Argumente kaum zugänglich sind. Hunde haben wenigstens den Vorteil, dass man sie in diesen schwierigen Phasen nicht auch noch zum Vokabeln lernen und Zimmer aufräumen zwingen muss. Hunde lassen im Allgemeinen auch ihre Sachen nicht überall im Haus herumliegen und hören keine Musik, bei der man denkt, das Haus stürzt ein. Aber Kinder ziehen irgendwann aus und gehen eigene Wege, während Karlsson bleibt, sich plötzlich nicht mehr an die Regeln hält und nachts zu spät nach Hause kommt. 
Ich lasse die Hunde spätabends noch einmal in den Garten. Lotta kommt wie gewohnt nach kurzer Zeit wieder herein und kuschelt sich in ihr Körbchen. Von Karlsson keine Spur. Rufen und pfeifen bessern die Lage nicht. Kein Karlsson in Sicht. „Na gut“, denke ich mir, „dann bleib doch draußen.“ Ich mache die Haustür zu und setze mich nochmal in den Fernsehsessel. Eigentlich wollte ich jetzt ins Bett gehen, aber vielleicht gibt es ja einen Spätfilm. Soll er mal sehen, was passiert, wenn er nicht gehorcht! Ich lass ihn einfach im Garten schmoren, bis er darum bettelt, wieder rein zu dürfen. Und wenn Karlsson dann reumütig an der Haustür kratzt, lasse ich ihn noch geschlagene fünf Minuten länger warten, bis er wieder ins Warme darf. Strafe muss sein. Während ich das Fernsehprogramm studiere, höre ich draußen infernalisches Gekläffe. Das darf doch nicht wahr sein! Sekundenlang gebe ich mich der Hoffnung hin, dass der Labrador von gegenüber die Quelle des Lärms ist, aber leider ist es mein Hund, der gerade dafür sorgt, dass alle Nachbarn senkrecht in ihren Betten stehen.
Ich stürze in den Garten und brülle in die Dunkelheit: „Du spinnst wohl!“ Wie zu erwarten war, beeindruckt Karlsson das nur mäßig. Er guckt mich einmal kurz an, um anschließend weiter am Zaun zu berserkern und dabei in ohrenbetäubender Lautstärke zu kläffen. Ich kann nicht erkennen, was ihn derart in Rage versetzt. Katze oder Karnickel? Marder oder Einbrecher? Es ist mir auch egal. Ich hoffe nur, dass ich neben einem kläffenden Karlsson nicht gleich auch noch einen keifenden Nachbarn beruhigen muss. Was auch immer auf der anderen Seite des Zaunes sein mag, ist bei dem Lärm doch längst über alle Berge geflohen. Karlsson will sich trotzdem nicht beruhigen.  Als ich mich ihm vorsichtig nähere, beginnt er hektisch, sich unter dem Zaun durchzugraben. Für rationale Argumente scheint er momentan nicht empfänglich zu sein und da ich nicht weiß, was ich sonst tun soll, werfe mich ihm kurzerhand in den Weg.

Da liege ich nun nachts vorm Gartenzaun -mit eilig übers Nachthemd geworfener Jacke, die nackten Füße in Gummistiefeln- und versuche, einen kleinen Terrier am Ausbruch in die große Freiheit zu hindern.
Ich glaub, ich brauch `ne Selbsthilfegruppe.

1 Kommentar:

  1. Wir hatten mal für 4 Wochen einen waschechten Terrier zu Besuch. Eigentlich sollte er auch noch länger bleiben..., was er durch sein Geschrei und Gekreische selber verhindert hat.
    Nun...er brachte mich in diesen 4 Wochen fast um den (Hunde-) Verstand! Terrier sind anders! =:-)

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