Dienstag, 3. Mai 2011

Einfach irre


Kleinen Moment, ich muss mir erst mal den Dreck von der Jacke klopfen und die Grasbüschel aus den Ohren zupfen. So. Jetzt geht es. Die Knie sind noch ein bisschen zittrig, aber es scheint  jeder Knochen an seinem Platz zu sein. Ich fühle mich, als wäre ich gerade aus dem Schleudergang gekommen, dabei hat mich gar keine Waschmaschine angefallen, sondern ein Golden Retriever.

Ich höre noch aufgeregte Stimmen und Rufen, dann ein unheilvolles Rascheln im Unterholz und schon kommt ein Hund aus den Büschen geflogen, um auf mir zu landen. Der Golden Retriever wiegt nicht viel, wenn er fliegt. Wenn er landet, aber schon. Ich gehe sofort zu Boden und liege mitsamt dem Dummy, den ich gerade werfen wollte, auf der Wiese. Karlsson landet nur Sekundenbruchteile später auf dem Retriever und beide Hunde balgen sich auf mir. „Drago, Drago!“ Rufe werden lauter und nähern sich dem Knäuel, das wir drei auf der Wiese bilden. Ich kann mich mit einer Vierteldrehung unter den knurrenden und fauchenden Hunden hervor winden und rappele mich wieder hoch. Kaum bin ich wieder in einer senkrechten Position, sehe ich mich Auge in Auge Dragos Besitzer gegenüber, der mir beschwichtigend zuruft: „Keine Angst, der will nur spielen!“

Zum Vergleich: So sieht Karlsson aus, wenn er spielen will
Ich gucke verdattert meine desolate Erscheinung an und dann die Hunde, die sich knurrend, bellend und schnappend über die Wiese jagen und kann Dragos Herrchen keinen rechten Glauben schenken. Immerhin macht er jetzt Anstalten, seinen Hund wieder einzufangen. Ich rufe Karlsson zu mir und lasse ihn neben mir sitzen. Dragos Herrchen bekommt seinen Hund zu fassen und tätschelt ihm den Kopf. „Jetzt muss ich ihn aber erst mal loben.“, verkündet er, „Der hat sich total artgerecht verhalten. Er hat ja nur ein bisschen gedroht, das ist ganz normal.“, sagt Dragos Herrchen und fährt an mich gewandt fort: „Oder haben Sie eben etwa Angst gehabt?“


Bislang bin ich dazu noch gar nicht gekommen, aber angesichts dieser verqueren Argumentation bekomme ich es tatsächlich mit der Angst zu tun. „Diese Terrier sind kleine Mistviecher.“, meint Dragos Besitzer nun und zeigt auf Karlsson. Sein Hund hätte sich ja wehren müssen. Wogegen? Prophylaktisch? Indem er uns vorbeugend in Grund und Boden stampft? Ich fürchte, ich kann Dragos Herrchen inhaltlich überhaupt nicht mehr folgen. Dabei habe ich es erst seit etwa fünf Minuten mit ihm zu tun, der arme Drago vermutlich schon sein ganzes Hundeleben lang. Kein Wunder, dass der Hund sich nicht benehmen kann. „Wenn das ein großer Hund wäre“, sagt Dragos Besitzer und zeigt weiter auf Karlsson, „hätte meiner den platt gemacht. Aber so hat er ja nur mal kurz gedroht, das ist artgerecht.“ Soll ich jetzt beruhigt sein, weil mein Hund von eher von kleiner Statur ist? Ich schwanke zwischen Erstaunen und Entsetzen, schließlich breitet sich völlige Fassungslosigkeit in mir aus. Ich fühle mich wie in einem schlechten Film oder bei der versteckten Kamera. Vielleicht habe ich bei dem Sturz doch eine Gehirnerschütterung davon getragen und blicke deshalb einfach nicht mehr durch. Ich bin nur froh, dass auf der einen Seite Karlsson wohl behalten neben mir sitzt und Lotta auf der anderen Seite. Lotta hat sich die ganze Zeit nicht von der Stelle gerührt und das war sicher klug von ihr.
Dragos Besitzer beschließt, uns auf der Wiese weiter Gesellschaft zu leisten. Die Hunde hätten das ja nun unter sich ausgemacht, sagt er. Unter sich? Nicht wirklich, oder? Erstens waren die nicht unter sich, sondern auf mir und was sie da ausgemacht haben, weiß ich nicht so genau. Weil ich ihn so begriffsstutzig anschaue, erklärt Dragos Herrchen es mir noch einmal: Drago wollte eigentlich nur spielen. Kam er deshalb geschossartig auf mich zugerannt und hat mich umgeworfen? Ich hätte doch einen Dummy in der Hand gehabt und deshalb damit rechnen müssen und weil Karlsson  ihn dann angefallen hat, musste Drago sich wehren. Das hat er aber total artgerecht gemacht. Dass Karlsson mir zur Hilfe eilen wollte, konnte Drago ja nicht wissen. Deshalb wird er gelobt. Drago ist nämlich ein Feiner und ich hätte ja wohl hoffentlich keine Angst gehabt. Da kann nämlich gar nichts passieren. - Ach so.

 Drago zeigt uns weiter seine Zähne und lässt keinen Zweifel daran, dass die auch beißen können. Aber Dragos Herrchen meint, er ließe seinen Hund jetzt ein wenig in dem kleinen See an der Wiese baden und wir könnten daneben ruhig weiter spielen, denn: „Da passiert jetzt nichts mehr.“ Ich weiß nicht, wie er darauf kommt und vermeide weiter jede Diskussion. Ich habe meine Sprache sowieso noch nicht wieder gefunden. Stattdessen versammle ich meine Hunde und wir ziehen uns langsam zurück. „Wir gehen lieber“, bringe ich schließlich hervor und gebe Dragos Besitzer damit dezent zu verstehen, dass wir für heute und für alle Zeiten genug von seiner und Dragos Gesellschaft haben und uns eine andere Wiese suchen. Auf der hoffentlich nicht noch mehr Irre frei herumlaufen.
Alle Fotos in diesem Post von NINA HANSCHKE

Kommentare:

  1. Meine Güte, frustrierend aber toll geschrieben!

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  2. Solche Spinner sollte man eingezäunen.

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