Sonntag, 15. Mai 2011

Mal was Verrücktes tun


Ballspiele? Guck ich gar nicht erst hin!
Manchmal überkommt mich die Lust, etwas Verrücktes zu tun. Es ist aber gar nicht mehr so einfach, etwas wirklich Ausgefallenes zu finden, seit einem an jeder Ecke die verrücktesten Freizeitbeschäftigungen angeboten werden. Früher reichte uns ein Bad bei Mondschein im nächsten Baggersee, während heute an jeder Brücke, die was auf sich hält, ein Bungeeseil baumelt, mit dem man sich in die Tiefe stürzen kann. Mit dem Nachtzug zum Frühstück nach Paris zu fahren oder abends in Rom ankommen und in die Fontana di Trevi zu steigen ist auch nicht mehr das, was es mal war, seit praktisch an jeder Ecke ein Billigflieger wartet und die Touristen sich in Massen durch die europäischen Hauptstädte quälen. So beschränken sich meine Verrücktheiten heute meistens darauf, sehr viel Geld für Dinge auszugeben, die ich definitiv nicht brauche. Neulich hatte ich allerdings eine wirklich verrückte Idee: Ich beschloss, meinem Terrier das Ballspielen beizubringen.

Wenn in jedem Terrier ein Ballspielgen schlummert, das den Hund dazu veranlasst, jedem hüpfenden, springenden und rollendem Ball wie ein Wilder hinterher zu jagen, ist Karlsson eine Mutation. Bälle lassen ihn komplett kalt. Einem Ball blickt er höchstens gelangweilt hinterher, er würde sich nie in Bewegung setzen, um das runde Ding zu jagen. Karlsson liebt Apportierspiele mit seinem Dummy, aber Bälle? Nein danke. Im Grunde sind wir uns da einig, auch für mich hat Ballspielen nichts wirklich Prickelndes. Aber dennoch: Ein Terrier, der nicht für Bälle zu begeistern ist? Das gibt es doch eigentlich gar nicht! Ich erkenne eine Herausforderung, die nicht an jeder Ecke zu haben ist und nehme mutig mit Karlsson an einem Treibball-Seminar teil.
Beim Treibball sollen Hunde Bälle, die um ein Vielfaches größer sind als sie selber, in ein Tor treiben. Die echten Könner unter den Hunden treiben dabei acht Gymnastikbälle nach Anleitung ins Tor, wenn es sein muss im Zickzack oder in Schlangenlinien rückwärts und wahrscheinlich gibt es welche, die dabei auch noch jonglieren können. Ich habe bei den anderen Teilnehmern wirklich beeindruckende Vorführungen gesehen.
Als wir das Spielfeld betreten, wo der erfahrene Hundetrainer uns bereits erwartet, liegt dort erstmal ein Ball. Noch bevor ich Karlsson den Ball überhaupt zeigen kann, versucht er bereits, sich unter dem Zaun durch zu graben, um die Schafe auf der Wiese nebenan zu jagen. Wir können ihn gerade noch stoppen und ich zeige ihm, wie ich den Ball über die Wiese rolle. Er umkreiste mich laut bellend, damit ich mit dem Quatsch aufhöre. Der Hundetrainer findet Karlssons Verhalten unangemessen, nimmt den Ball beiseite und widmet sich meinem Hund. Seine Erziehungsversuche quittiert Karlsson, indem er nach seiner Hand schnappt und damit endet unser erster Versuch nicht gerade ruhmreich.
Beim zweiten Versuch haben wir schon zwei Bälle auf dem Spielfeld und Karlsson sieht mir diesmal mit viel milder Nachsicht im Blick dabei zu, wie ich die Bälle nach den Anweisungen des -in der Ecke auf einem Hocker sitzenden- erfahrenen Hundetrainers mit lautem Hallo und viel Begeisterung selber ins Tor treibe. Als beide Bälle im Tor liegen, bin ich ganz außer Atem und der Hund sieht aus als wolle er sagen: „Na, wenn sie Spaß dran hat…“
Der erfahrene Hundetrainer schlägt vor, über Karlssons Dummy eine Pyramide aus Bällen zu errichten. „Wenn du ihn dann apportieren lässt, muss er sich mit den Bällen beschäftigen. Er muss sie ja zur Seite stoßen.“, meint der Trainer. Gesagt, getan. Aber wie ein kleiner Schlangenhund schlängelt sich Karlsson geschickt in die Mitte der Pyramide und taucht mit seinem Dummy im Maul wieder auf, ohne dass auch nur ein Ball gewackelt hätte. Das beeindruckt sogar den Hundetrainer.
Dass es noch eine dritte Spielrunde gibt, nimmt Karlsson eher resigniert zur Kenntnis. Er trottet mit mir aufs Spielfeld, wo ich unter Anleitung des erfahrenen Trainers sofort wieder beginne, begeistert mit den Bällen zu spielen. Karlsson versucht diesmal auf der anderen Seite des Spielfelds unter dem Zaun hindurch zu entkommen. Dort hat er seinen Dummy liegen sehen. Als ihm das nicht gelingt, bleibt er einfach am Zaun sitzen und dreht uns den Rücken zu. Bei so viel Ignoranz fühlt sich nun auch der Hundetrainer herausgefordert. Er springt von seinem Hocker auf und wirft mir Bälle zu. Wie die Verrückten spielen wir Ball und ich rufe mit meiner letzten Puste aus: „Ich habe Spaß, so viel Spaß!“ Dabei schiele ich auf Karlsson, der uns weiter keines Blickes würdigt. „Schau nicht auf deinen Hund, er könnte sonst denken, es ginge hier um ihn.“, ermahnt mich der erfahrene Trainer, aber es nützt nichts. Karlsson weiß doch längst, dass es um ihn geht und wundert sich nur noch, warum ich mich hier zum Affen mache, wahrscheinlich möchte er das einfach nicht mehr länger mit ansehen. Auch der alterfahrene Hundetrainer hat nach einer Weile keine Lust mehr, mit mir Ball zu spielen und Karlsson und ich dürfen das Spielfeld verlassen. Erhitzt, erschöpft, derangiert und desillusioniert fahren wir nach Hause.
Es ist Abend und wir machen den letzten Spaziergang des Tages durch den kleinen Park neben unserem Haus. Die Luft ist mild und angenehm kühl, es duftet nach Gras und Blumen und die Vögel zwitschern sehr laut. Auf der kleinen Brücke über dem Teich bleiben wir stehen und ich versenke in Gedanken diesen ganzen Tag mitsamt allen Bällen im Wasser. Wenn Karlsson partout nicht Ball spielen will, fahren wir eben zum Frühstück nach Paris, werfen den Dummy vom Eiffelturm, suchen ihn in den Marsfeldern und apportieren abends aus römischen Brunnen. Dass uns beiden das gefällt, ist wenigstens sicher.

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