Mittwoch, 20. Juli 2011

Verreist ohne Hund


Wenn der eigene Hund nicht mit in den Urlaub kommen kann, gucke ich mich im Gastland nach jedem anderen Vierbeiner um und komme mit Fotos von wildfremden Hunden im Gepäck wieder nach Hause. Was Sehnsucht alles anrichten kann!
Es gibt Reisen, die kann man keinem Hund zumuten. Städtereisen mit ausgedehntem Kultur- und Besichtigungsprogramm in Orte, die nur per Flugzeug mit mehrmaligem Umsteigen zu erreichen sind, gehören dazu. Deshalb konnten Lotta und Karlsson uns dieses Mal nicht in den Urlaub begleiten. Lotta blieb bei unseren Töchtern, weil wir ihr eine Pflegestelle mit anderen Hunden nicht für längere Zeit zumuten wollten, sie mag keinen Trubel mehr um sich herum. Karlsson verbrachte die Zeit in einem Pflegehaushalt mit lieben Menschen und anderen Hunden.                                                                                               
Bereits als ein paar Tage vor unserem Urlaub Lotta mitsamt Decke und Futtervorrat von unserer Tochter abgeholt wurde, begann Karlsson an seinem Rudel zu zweifeln. Traurig guckte er dem abfahrenden Auto hinterher. Lotta nahm die Dinge gelassener, denn in fünfzehn Lebensjahren hat sie schon viele Urlaube mitgemacht und in ihr scheint sich die Überzeugung gefestigt zu haben, dass sich nach einer Weile alles wieder in gewohnte Bahnen fügen wird. Aber Karlsson sah uns fassungslos beim Koffer packen zu und ließ Schwanz und Ohren hängen. Dann wurden auch seine Sachen ins Auto verfrachtet und er musste in sein Urlaubsdomizil umziehen. In der Hundepension war er ja schon öfter, aber nie ohne Lotta. Man merkte ihm an, dass er den Lauf der Dinge höchst befremdlich fand.
Und auch wenn wir Menschen die Gewissheit hatten, dass Karlsson und Lotta während unserer Abwesenheit umsorgt, bespielt, gestreichelt und nach besten Kräften geliebt wurden, vermissten wir sie natürlich. Wir freuten uns wie die Schneekönige, als wir unser Hotelzimmer betraten und dort ausgerechnet ein Hundeposter an der Wand hing. Wenn wir in der fremden Millionenstadt unterwegs waren und zwischen den zahlreichen Baudenkmälern und Palästen mal einen Menschen mit Hund entdeckten, stießen wir uns gegenseitig an und riefen enthusiastisch: „Da, guck mal, ein Hund!“ als hätten wir gerade etwas wirklich Besonderes entdeckt. Überrascht stellte ich fest, dass wir nicht die einzigen mit diesem Tick waren. Andere Mitreisende hatten ihre fast zwanzigjährige Katze zu Hause in der Obhut der Nachbarn gelassen und riefen beim Anblick jedes noch so mageren und struppigen Streuners erfreut: „Eine Katze!“, um sich dann zu fragen, wie es wohl Minka zuhause gerade geht.
Einmal stand am Zebrastreifen eine Dame mit einem kleinen Dackel an der Leine neben mir. Dem Dackelchen hing die Zunge fast bis auf den Asphalt, es war doch so schrecklich heiß! Das Hundchen atmete schwer und guckte mich hilfesuchend an. Ich hätte der Dame furchtbar gern gesagt, dass es da unten am Boden noch viel wärmer ist als wir es spüren und sie gefragt, ob sie den Hund nicht für eine Weile auf dem Arm tragen kann. Aber leider war ich der Sprache meines Gastlandes nicht im Mindesten mächtig (ich kann kein russisch!) und so blieb mir nichts weiter übrig, als den Dackel mitleidig anzusehen und zu hoffen, dass er es wenigstens nicht mehr weit bis nach Hause hat. Am liebsten hätte ich ihn natürlich selbst unter den Arm geklemmt und mitgenommen…
Aber wir kamen ohne fremden Dackel im Gepäck wieder zu Hause an und holten erstmal Karlsson ab. Der freute sich zwar, uns wiederzusehen, machte aber immer noch einen ziemlich deprimierten Eindruck, als ihm klar wurde, dass Lotta noch nicht wieder zurück war. Erst als Lotta einen Tag später zu Hause eintraf, kam seine kleine Welt langsam wieder in Ordnung. Als ich abends im Sessel saß, kletterte Karlsson vorsichtig auf meinen Schoß und ließ sich die Öhrchen kraulen. Das macht er sonst wirklich fast nie. Ein cooler Typ wie er ist schließlich kein Schoßhund. Aber da brach sich die Erleichterung Bahn, dass nun alles wieder wie vor dem Urlaub ist und selig schlief er auf meinem Schoß ein, ganz tief und fest.
Während wir Menschen sehnsüchtig jedem Hund hinterher schauen und dabei außerdem mit Zeitverschiebung, schwül warmen Sommerwetter, ungewohntem Essen und Betten und müden Füssen kämpfen, wissen wir doch, was Urlaub bedeutet und dass er (leider) auch wieder endet. Hunde wissen das nicht. Sie kennen unsere Pläne nicht und haben keine Ahnung davon, dass nach einer oder zwei Wochen der Alltag wieder einkehrt. Und deshalb sind sie, glaube ich, ganz schön froh, wenn einfach alle wieder da sind, wo sie hingehören: Zuhause!

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