Donnerstag, 22. September 2011

Freiheit, die ich meine

„Freiheit, die ich meine, ist meine Freiheit“, denkt sich Lotta und rüttelt energisch an dem Türgitter, das sie und Karlsson vom Rest der Welt trennt. Manchmal sperre ich meine Hunde mit einem in den Türrahmen geklemmten Kindergitter vom Geschehen im restlichen Haus aus. Das ist sehr praktisch, denn nicht jeder Gasableser, Handwerker oder Besucher findet es lustig, sich mit einer Entourage von zwei kleinen Terriern durchs Haus begeben zu müssen. Meine beiden Hunde möchten nämlich um keinen Preis der Welt verpassen, was beispielsweise der Klempner im Keller an unserem Heizungskessel anstellt, wobei Lotta eher von Neugier getrieben wird und Karlsson von Argwohn.

Damit die beiden nicht jedem, der unser Haus betritt, wie Leim an den Fersen kleben bis Lotta die Sache langweilig wird und Karlsson sich von der Harmlosigkeit des Eindringlings überzeugt hat, kommen die Hunde bisweilen hinter Gitter. Genauer gesagt: Hinter das Kindergitter, das ich einfach in den Türrahmen klemme. Dann können Karlsson und Lotta zwar noch sehen und hören, was vorgeht, aber sie müssen es schon mir überlassen, den Besuch durchs Haus zu begleiten. Auch nachts klemme ich das Gitter in den Türrahmen des Zimmers, in dem die Hunde schlafen, damit Karlsson nicht alle paar Minuten durchs Haus patrouilliert, um nach gefährlichen Eindringlingen zu fahnden (und mich dabei mit seinem Herumgetapse auf der dunklen Treppe zu Tode erschreckt). Diese Art der Freiheitsberaubung finden die beiden aber gar nicht lustig.
Neulich als unsere Putzperle munter den Staubsauger durchs Haus dirigierte, hatte ich die Hunde mal wieder hinter das Gitter verbannt. Lotta schaute beleidigt, weil ich ihr den Weg ins Schlafzimmer abgeschnitten hatte und Karlsson besorgt, weil er sich nun nicht laut bellend und knurrend auf den Staubsauger stürzen konnte und wer weiß, was von diesem Gerät zu erwarten ist, wenn er es nicht in Schach hält! Ich sprach beruhigend: „Mach dir keine Sorgen, alles wird gut!“ und ging ins Erdgeschoss. Nach kurzer Zeit dachte ich, ich sähe weiße Mäuse. Beim genaueren Hinsehen war es aber doch Lotta, die neben mir in der Küche stand. „Wie kommst du denn hierher?“, wunderte ich mich. Es stellte sich heraus, dass Lotta es geschafft hatte, das Gitter aus dem Türrahmen zu ziehen und mir damit einmal mehr gezeigt hatte, was von dieser Art der Freiheitsberaubung hält. Karlsson saß noch hinter dem offenen Gitter, unschlüssig, ob es wohl ratsam sei, sich in die Freiheit zu wagen. Er musste allerdings nicht lange nachdenken, um seine letzten Skrupel zu überwinden.

Als ich am nächsten Tag das Haus verließ, sperrte ich die Hunde wieder ein, schon allein, um zu verhindern, dass Karlsson während meiner Abwesenheit in unserem Wintergarten sitzt und versucht, Nachbars Kater aus unserem Garten zu verbellen. Als zusätzliche Sicherheitsmaßnahme stellte ich ein sehr schweres hölzernes Schweinchen, das einmal vor vielen Jahren als Türaufhalter den Weg in unser Haus gefunden hat (und bis heute aus unerfindlichen Gründen noch nicht des Haushalts verwiesen wurde) als zusätzliches Hindernis vor das Gitter. Als ich nach Hause kam, begrüßten mich beide Hunde freundlich wedelnd an der Haustür. Schwein und Gitter waren beiseite geräumt und der Weg frei. „Na gut“, dachte ich, „war ja nur ein Versuch.“
Auch wache ich morgens nicht mehr vom Wecker klingeln auf, sondern vom Gerappel am Hundegitter. Kurz darauf höre ich Karlsson geräuschvoll die Treppe hinunter poltern. Dann spüre ich schon den Luftzug, den er verursacht, wenn er mit einem gewaltigen Satz auf mein Bett springt und sofort wie ein Irrer auf meinem Bauch herum hopst. Dabei freut er sich unbändig, dass er mich auch heute Morgen wieder an der üblichen Stelle vorgefunden hat und versucht offensichtlich, durch sein wildes Herumgehopse meinem schlaffen Körper neues Leben einzuhauchen. Wenn ich es endlich schaffe, mich schlaftrunken aufzurappeln, hält er seine Mission für beendet und springt vom Bett, um im Rest des Hauses nach dem Rechten zu sehen. Dann klingelt in der Regel auch mein Wecker. Karlsson ist immer recht pünktlich. Das Erste, was ich sehe, wenn ich meine Augen aufmache, ist Lotta, die es sich neben mir auf der anderen Betthälfte bequem gemacht hat. „Nein“, denke ich, „das war eigentlich anders geplant!“ 

Am Wochenende ist es dasselbe: Gepolter auf der Treppe, Sprung aufs Bett und mein Bauch als Trampolin. „Nein“, greine ich, „Nein, Karlsson! Es ist Wochenende! Lass mich schlafen! Ich muss gar nicht um sieben aufstehen!“ Karlsson macht noch ein paar aufmunternde Hopser in der Gegend meines Zwerchfells und presst damit weitere gequälte Laute aus mir heraus. „Aber Liebchen“, flötet der Mann auf der anderen Betthälfte, „Mach doch mal die Augen auf und guck auf die Uhr. Es ist doch schon längst nicht mehr sieben und du könntest wirklich langsam mal aufwachen.“  
Habe ich nicht wunderbare, kluge und rücksichtsvolle Hunde? Sicherheitshalber habe ich aber doch den Mann in den Baumarkt geschickt, um einen kleinen metallenen Riegel zu besorgen. Vielleicht kann ich damit die Kontrolle über mein Leben zurück gewinnen.

Hinter Gittern: Wenn die Ida zu Besuch ist, teilt sie das Schicksal der anderen Gefangenen.

Kommentare:

  1. Wau, das sind strenge Sitten. Allerdings müssen wir sagen, das wir ja etwas größer sind und Türklinken benutzen. Jetzt sind die alle verkehrt bei uns angebracht worden. Nach oben....Frechheit. Auch so eine Art Kontrolle. Die Zweibeiner versuchen alles um uns in Schach zu halten.
    Liebe wauzis von Emma und Lotte

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