Sonntag, 4. September 2011

Von Tiefpunkten und Trosthunden

 Alles begann damit, dass mir das Portemonnaie gestohlen wurde. Dummerweise hatte ich es abends beim Nachhause kommen im Auto vergessen. Als ich es morgens bemerkte, war es schon zu spät. Das Auto –obwohl es nicht etwa mitten auf der Straße, sondern auf unserem Grundstück im Carport übernachtet hatte- war aufgebrochen, das Portemonnaie verschwunden und mit ihm das Navigationsgerät. Im Portemonnaie steckte natürlich mein ganzes Leben: Ausweispapiere, Scheck- und Kreditkarten, Fahrzeugpapiere. Ich tat also, was getan werden musste. Ich erstattete Anzeige bei der Polizei und ließ sofort sämtliche Karten sperren. Dann kaufte ich mir noch am selben Nachmittag ein neues Navigationsgerät, weil ich leider ohne Orientierungssinn geboren bin und es hasse, mit zerknitterten Stadtplänen auf dem Schoß Auto zu fahren.

Ich besorgte mir bei der Bank eine Handvoll Bargeld und musste die Scheine lose in die Handtasche stopfen. Ein Portemonnaie hatte ich ja nun nicht mehr. Nun sprießen bei uns auf dem Land die Gewerbegebiete und mit ihnen die Elektronikmärkte aus dem Boden und es war leicht, ein neues Navi zu besorgen. Ein neues Portemonnaie hingegen bekam ich dort nicht. Feine Lederwarengeschäfte sind zwischen Bau-, Möbel- und Elektronikmärkten nicht vorgesehen.  
Da ich am nächsten Tag ohnehin in die benachbarte Großstadt fahren musste, um diverse Dinge zu erledigen, setze ich „Portemonnaie kaufen“ mit auf die To-Do-Liste. Diese Liste war nun ganz schön umfangreich geworden und ich überlegte, dass ich wohl lange von zu Hause weg sein würde. Deshalb beschloss ich, Karlsson mit in die Stadt zu nehmen. Lotta bleibt auch längere Zeit allein zu Hause. Das macht ihr nichts aus, solange sie freien Zugang zu allen Betten hat und ungestört schlafen kann, was sie mittlerweile ohnehin am liebsten tut.
Am nächsten Tag machten Karlsson und ich uns mit dem Auto auf den Weg nach Hamburg. Zuerst ging ich zum Friseur, wo ich die Erwachsenen mit meiner Diebstahlsgeschichte unterhielt und Karlsson die Kinder der anderen Kundinnen, die sich um seine Decke herum auf den Boden gesetzt hatten und ihm dabei zusahen, wie er an seiner Kaustange kaute. Ich wurde hinreichend bemitleidet, weil ich nun all den Ärger am Hals hatte, den so ein Diebstahl mit sich bringt und Karlsson wurde ausgiebig gelobt, weil er die ganze Zeit so brav auf seiner Decke lag.
Frisch frisiert machte ich mich wieder auf den Weg und entschied mich –obwohl ich den Weg kannte- dafür, das neue Navi einzuschalten. Ich wollte einfach mal sehen, wie sich das Gerät so macht und ob es genauso gut funktioniert wie das alte. Leider stellte sich heraus, dass das Navi noch weniger Orientierungssinn hat als ich. Es führte mich direkt in ein Gewirr von Einbahnstraßen, von denen die größte zu allem Überfluss vormittags nur in der einen Richtung und nachmittags nur in der anderen Richtung zu befahren ist. Das wusste das Navi aber nicht und schickte mich ohne zu zögern in den Gegenverkehr. Da war es dann aber spätestens vorbei mit meiner Gutgläubigkeit und das Gerät konnte froh sein, dass ich es nur ausschaltete und nicht gleich aus dem Fenster warf. Nun war es Freitagnachmittag und ich gezwungenermaßen in der falschen Richtung unterwegs. Genau genommen staute ich mich in die falsche Richtung, was viel schlimmer ist, weil man weiß, dass man auf absehbare Zeit nicht aus dieser Nummer rauskommt. Also blieb mir nicht viel mehr übrig, als das neue Navi wüst zu beschimpfen, während Karlsson zustimmend auf der Rückbank knurrte.
Es ist nicht übertrieben, wenn ich sage, Stunden später hatte ich mich aus eigener Kraft aus dem Einbahnstraßengewirr befreit und war wenigstens endlich wieder in der richtigen Richtung unterwegs, aber immer noch meilenweit vom Ziel entfernt, als der Autofahrer, der sich neben mir auf der Straße staute, mir mit Gesten bedeutete, das Fenster herunterzulassen. Das tat ich und der Mann machte mich darauf aufmerksam, dass man meinem rechten Hinterreifen gerade dabei zusehen konnte, wie er die Luft verliert. „Ich würde damit nicht mehr lange fahren“, meinte er, „Der ist gleich bis auf die Felge runter.“ Ich konnte nur ein schwaches „Aha, ja, danke“ murmeln. Nicht mehr lange fahren war ja leicht gesagt, aber woher mitten im Freitagnachmittagsinnenstadtstau so schnell einen Parkplatz nehmen? Bei der nächsten Gelegenheit bog ich rechts ab und befand mich auf der Straße durch den Stadtpark, die aber immerhin einen Parkstreifen hat und konnte dort anhalten. Zu der Verabredung, auf die ich mich schon den ganzen Tag gefreut hatte, würde es jetzt nicht mehr kommen…
Da stand ich nun. Reifen platt, Verabredung futsch und ohne Geld in der Tasche. Mein Bares hatte ich für den Friseur und das Navi, das ich am liebsten im nächsten Gulli versenkt hätte, ausgegeben. Außerdem war ich sauer auf mich selber, weil ich mich überhaupt wider besseres Wissen auf das Gerät eingelassen hatte und niedergeschlagen, weil ich dachte, dass so viel Pech auf einmal ja wohl eine Ungerechtigkeit sei, die ich nicht verdient hatte.
Aber bei alldem war ich wenigstens nicht allein. Ich hatte ja meinen kleinen Terrier dabei, der von der misslichen Situation ziemlich unbeeindruckt blieb und mir klar machte, dass er unbedingt das Auto verlassen und in den Park gehen wollte. Und weil mir nichts Besseres einfiel, taten wir das auch. Auf der Parkbank sortierte ich einigermaßen meine Gedanken und den Inhalt meiner Handtasche. Portemonnaie hatte ich nicht, aber immer noch mein Handy. Und mir fiel ein, dass mein Mann sich heute in derselben Stadt aufhielt wie ich, was nicht selbstverständlich ist. Also rief ich ihn an und er versprach, sich ein Taxi zu nehmen, in den Stadtpark zu kommen und mir den Reifen zu wechseln. Welch ein Lichtblick!
Karlsson zog es inzwischen zu einem Wasserbecken, dessen Inhalt aber so schmutzig und trübe dahin dümpelte, dass nicht einmal der Hund daraus trinken mochte und der ist sonst wirklich nicht wählerisch. Ich begriff aber, dass er Durst hatte und überlegte, wo wir jetzt wohl trinkbares Wasser herbekommen sollten. Da ich nahezu direkt vor dem Planetarium im Stadtpark gestrandet war, ging ich hinein. Karlsson musste leider draußen warten, drinnen waren Hunde verboten. Im Eingangsbereich gab es tatsächlich eine Cafeteria und ich fragte nach einer Flasche Wasser. „Nein, Wasser leider nur in Gläsern“, sagte die Dame am Erfrischungsstand und beschrieb mir, wo ich den nächsten Kiosk mit Wasserflaschenverkauf finden könne. Ich erklärte ihr, dass ich mit einer Reifenpanne liegen geblieben sei und den Kiosk jetzt nicht anfahren könne und mir zwar ein Glas Wasser weiterhelfen würde, aber nicht meinem Hund, der draußen durstig und angebunden wartet. Damit löste ich eine Welle der Hilfsbereitschaft aus. Ob ich denn schon Hilfe herbei telefoniert hätte? Oder ihren Apparat benutzen wolle? Und Wasser für den Hund würde sie sofort herbeischaffen, wenn sie mir ein Glas eingeschenkt hätte. Dann verschwand sie in einem Hinterzimmer, rumorte ein wenig herum und kam mit einer Schüssel wieder zum Vorschein. Sie hätte nur eine Auflaufform gefunden, meinte sie, aber der Hund würde doch sicher daraus trinken, oder? Tat er. Karlsson schlabberte draußen Wasser aus der Gratinform und ich trank drinnen im kühlen, schummrigen Planetarium Wasser aus dem Glas, umsorgt von der Cafeteria-Dame und einem zweiten Angestellten, der sich zu uns gesellte und mir von seiner letzten Autopanne erzählte und wie er aus der Misere wieder herausgekommen war. Derart getröstet ging ich hinaus zu Karlsson, der die Gratinform auch für ein Fußbad benutzt hatte und mich mit seinen braunen Knopfaugen anguckte als wolle er sagen: „Siehste, ist doch alles gar nicht so schlimm.“ 
Ich musste ihm zustimmen. Wenn man in solchen deprimierenden Situationen wenigstens noch ein kleines beseeltes Wesen an seiner Seite weiß, das einem obendrein den Weg zu so einem gastlichen und netten Ort weist, ist das unheimlich tröstlich und hilfreich obendrein. Ich bin froh, dass ich Karlsson habe. Und meinen Mann. Denn der stand schon zum Reifenwechsel bereit, als ich aus dem Planetarium kam und ein neues Portemonnaie hat er am selben Abend auch noch mit mir ausgesucht.
Wenn ich am Montag versuchen muss, seine Hemden ohne Abholschnipsel (der steckte natürlich auch in dem gestohlenen Portemonnaie) aus der Wäscherei auszulösen, wird er längst wieder in fremden Städten unterwegs sein. Aber ich kann ja Karlsson mitnehmen. Ich glaube, in der Wäscherei sind Hunde erlaubt. Und manchmal kann man auf seine Unterstützung in schwierigen Situationen einfach nicht verzichten.

Kommentare:

  1. Eine Wahnsinnsgeschichte, aber so ist manchmal das Leben. Gerade in stressigen Situationen bringen einen die Vierbeiner wieder auf den Boden.
    Liebe wauzis von Emma und Lotte

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  2. In solchen Situationen können sie der Fels in der Brandung sein...

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