Mittwoch, 7. Dezember 2011

Karlsson wird erwachsen

Wenn ich Karlsson in letzter Zeit anschaue, verfestigt sich bei mir der Eindruck, dass er auch Hirn im Kopf hat und nicht nur Flausen. Er entwickelt sich zu einem zuverlässigen Begleiter und nur noch selten tut er Dinge, die mir abwechselnd den Angstschweiß auf die Stirn oder die Zornesröte auf die Wangen treiben. Das letzte Mal, dass ich mir wirklich Sorgen um ihn gemacht habe, war, als er eine Kröte gefressen hat.

Die Kröte hüpfte vor uns über den Weg und Karlsson sozusagen direkt ins Maul. Diese Gelegenheit wollte er sich nicht entgehen lassen. Ich rief noch „Nein!“, aber da hatte er sie schon tapfer hinunter gewürgt. Dass die Kröte kein Gourmethappen war, konnte man Karlssons angewidertem Gesichtsausdruck deutlich ansehen. Ich war mir auch gar nicht sicher, ob das noch als barfen (barf – bedarfs- und artgerecht roh füttern) für Fortgeschrittene gilt oder vielleicht doch schädlich ist. Also rief ich beim Tierarzt an, aber der meinte, schädlich sei es nicht und Karlsson würde vermutlich höchstens Bauchweh bekommen. So war es auch. Das sah ich am nächsten Morgen, als ich halbverdaute Krötenreste vom Teppich putzen musste. Nach dieser Episode hat seine Neigung, jeden halbwegs verdaulichen Mist, der draußen herumliegt, blitzeschnelle aufzufressen, stark nachgelassen.

Auch die Sache mit dem Igel liegt schon eine Weile zurück. Karlssons Herrchen ließ Karlsson damals versehentlich zur selben Zeit in den Garten, zu der auch der bei uns beheimatete Igel seinen Abendspaziergang durch den Garten machte. Ich wurde durch eine ohrenbetäubende Geräuschkulisse auf die Szenerie aufmerksam, öffnete das Schlafzimmerfenster und weiß seitdem, wie laut Igel fauchen können, wenn sie sich bedrängt fühlen. Der auf Angriff gebürstete Terrier war kein bisschen leiser und mein Mann auch nicht. Ich sprang im Nachthemd in die Gummistiefel, lief in den Garten und versuchte zu retten, was zu retten war. So ging eine wilde Verfolgungsjagd durch den Garten, bis es dem Igel gelang, unter dem Zaun hindurch in Nachbars Garten zu entkommen und wir schließlich Karlsson an der Stelle dingfest machen konnte, wo er versuchte, sich lauf bellend hinter dem Igel her unter dem Zaun durch zu graben.
Kürzlich entstand eine ähnliche Situation, als ich eine Handtasche, eine Einkaufstüte, die Autoschlüssel und die Hundeleine in den Händen hielt. Gerade als ich versuchte, das alles zu sortieren, um mit dem Schlüssel das Auto aufzuschließen, kreuzte eine Katze unseren Weg. Karlsson machte einen Riesensatz und riss mir die Leine aus der Hand, die ohnehin gerade nur an meinem kleinen Finger hing und stürzte hinter der Katze her. Ich rief „Stopp!“, die Katze rannte weiter und der Hund blieb stehen! Ich war baff. Vor Entzücken und Begeisterung bemerkte ich den Schmerz in meinem kleinen Finger, den Karlsson mir bei seiner Flucht beinahe amputiert hätte, erst später. Trotzdem bin ich sehr stolz auf Karlsson. Was zählt da schon ein kleiner Finger! Es ist eh nur der linke.
Wie sehr Karlsson gereift ist, zeigte sich erst gestern, als ich seinen Lieblingsdummy versehentlich in Nachbars Garten warf. Karlsson und ich standen beide mit hängenden Ohren am Gartenzaun und überlegten, wie wir wieder an den Dummy kommen konnten. Dummerweise lag das Ding außerhalb der Reichweite meiner Harke, mit der ich mich sonst aus der Misere ziehe. Also wagte ich es, Karlsson mit den Worten „Bring Dummy“ über den Zaun zu heben und siehe da: Er tat es. Dazu muss man wissen, dass Nachbars Garten nicht eingezäunt ist und die pure Freiheit bedeutet. Vor nicht allzu langer Zeit hätte ich nicht vor den frühen Abendstunden mit Karlsson Rückkehr rechnen müssen, denn die Gelegenheit hätte er todsicher genutzt, um die Umgebung nach Mäusen, Katzen und weggeworfenen Salamibroten abzusuchen.

Obwohl Karlsson natürlich nach wie vor der Meinung ist, dass man es mit dem Gehorsam nicht übertreiben sollte. Ich habe ihm beigebracht, sich beim Nachhause kommen auf das Kommando „Hinlegen“ auf die Seite zu legen, damit ich ihm mit einem Tuch die Pfoten und den Bauch abputzen kann. Das war gar nicht so einfach und hat viel Geduld erfordert. Schließlich hat es aber funktioniert. Bis letzte Woche. Da hat Karlsson beschlossen, dass er nun keine Lust mehr hat, sich rücklings auf die Fußmatte zu werfen und bleibt seitdem stehen wie aus Stein gemeißelt. Sein Blick sagt mir deutlich: „Dagegen kannst du gar nichts machen!“ Stimmt. Ich kann ihn nur packen und selber auf den Rücken drehen. Zur Strafe beißt er mir dann Löcher ins Handtuch.
Als Karlsson uns neulich in eine Buchhandlung begleitete, eilte eine begeisterte Verkäuferin auf uns zu, nicht etwa, weil sie uns behilflich sein wollte, sondern um vor Karlsson auf die Knie zu fallen und ein Gespräch mit ihm zu beginnen. Zu uns gewandt sagte sie schließlich: „Ich habe auch so einen zu Hause.“ Das hielt ich zunächst für einen Irrtum, da Lakeland Terrier ziemlich selten vorkommen und deshalb oft mit anderen Terriern oder sogar Schnauzern verwechselt werden. Aber als sie uns fragte: „Ist ihrer auch so stur?“, wusste ich, dass sie die Wahrheit sagte.
Wie jeder echte Terrier hat sich Karlsson zu einem eigenwilligen Hund mit Ecken und Kanten entwickelt. Wer Ecken hat, eckt auch an. Er durfte Erfahrungen sammeln und ist schon mal gegen eine Wand gelaufen. Er hat Erfolge und Misserfolge erzielt. Daraus entsteht mit der Zeit Souveränität. In den meisten Situationen weiß ich, wie er denkt und ich weiß, dass er sich seine Unabhängigkeit bewahrt. Ich weiß aber auch, dass er mir vertraut. Das ist so viel mehr wert als Gehorsam. Die Tür zu seiner Seele geht nicht ohne Knarren auf, aber dahinter liegt ein Goldschatz.

1 Kommentar:

  1. Hallo Karlsson,
    was du so alles ausprobierst ist ja irre. Einen Frosch hab noch nicht mal ich gefuttert. Ich spiel höchstens mit ihnen. Mal so anstubsen. Ein Igel wohnt bei uns auch. Das der furchtbar stachelt musste ich lernen. Zusammen mit Frauchen stelle ich ihm im Sommer Katzenfutter hin. Jetzt macht er ja Winterschlaf.
    Aber du hast dich toll entwickelt und dein Frauchen kann stolz auf dich sein.
    Liebe wauzis von Emma und Lotte

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