Donnerstag, 15. März 2012

Haarige Rache

Klein Ida ist für eine Woche bei uns zu Besuch. Schon bald bemerke ich, dass sich zu Lottas weißen Stichelhaaren, die sie wie immer großzügig im ganzen Haus verteilt, eine ganze Menge seidiges Ida-Haar gesellt. Dass gegen Lottas enormen Haarverlust kein Kraut gewachsen ist, musste ich im Laufe der vergangenen fünfzehn Jahre irgendwann einsehen. Aber ich schaue mir Ida genauer an und sehe, dass sie im Fellwechsel ist, so dass man ihr das alte Haar problemlos büschelweise auszupfen kann.  „Wenn das so ist“, sage ich zu Ida, „dann wirst du jetzt frisiert.“ Ida guckt skeptisch.

Ihre Begeisterung wird auch kein bisschen größer als ich Schere, Kamm und Trimmstriegel bereit lege. Das Auszupfen der alten Haare und den anschließenden Haarschnitt mit der Schere lässt sie über sich ergehen,  sie hat dabei den Blick immer starr auf das ebenfalls bereit gelegte Belohnungsleckerli gerichtet. Karlsson sieht unserem Treiben zu, er ist allerdings durch eine Glastür von uns getrennt. So bleibt ihm nichts anderes übrig, als uns fassungslose Blicke zu zuwerfen, denn er macht sich zum einen Sorgen darüber, ob es Ida bei der Prozedur auch wirklich gut geht und zum anderen darüber, ob das eine Leckerli wohl auch noch für ihn reichen wird. „Noch einmal kämmen und dann bist du fertig“, sage ich zu Ida und reiche ihr anschließend unter Karlssons deutlich missbilligendem Blick den Hundekeks. Ida guckt mich beleidigt an, den Keks nimmt sie trotzdem.

Den Rest des Tages freue ich mich darüber, dass mir Idas neue Frisur recht gut gelungen ist und außerdem wesentlich weniger Haare im Haus herumfliegen. Am nächsten Morgen traue ich meinen Augen kaum. Es ist Sonntag und wir haben etwas länger geschlafen und im Bett die Zeitung gelesen, so dass die Hunde einen Moment unbeaufsichtigt im Erdgeschoss waren. Als ich die Treppe herunter komme und ins Wohnzimmer gucke, sehe ich überall Haare. „Das kann doch gar nicht sein!“, denke ich. So viele Haare können nicht mal Lotta, Karlsson und Ida zusammen verloren haben. Nicht einmal, wenn sie spontan über Nacht die Schockmauser bekommen hätten. Außerdem müssten sie dann alle drei halb nackt sein. Sind sie aber nicht. Bei genauerem Hinsehen stellt sich heraus, dass die Haare aus unserem neuen Rentierfell stammen. Ein kleiner Hund hat hier durch Scharren, Kratzen und Reißen so viel Haar wie nur möglich entnommen und es anschließend großzügig im ganzen Wohnzimmer verteilt. Die haarige Spur führt zu Idas Decke. Auf der Decke findet sich aber nicht nur büschelweise Rentierfell, sondern auch noch etwas anderes. Was ist das denn noch? Holzspäne. Das ist kein gutes Zeichen. Wenn es Ida nicht gelungen ist, heimlich ein Stöckchen von draußen mit herein zu schmuggeln, dann musste wohl eins von unseren Möbelstücken dran glauben. Die Späne sehen nicht nach Stöckchen aus, sondern nach Stuhlbein. Die Quelle ist schnell gefunden. Ein Stuhlbein meines Esszimmerstuhls weist eine tiefe Kerbe auf. Ida guckt mich herausfordernd, aber auch irgendwie zufrieden an.
„Das wirst du ja wohl sogar als Mensch verstehen.“, sagt ihr Blick. Ja, die Botschaft ist angekommen. Wer Ida am Pelz rumzupft, der kriegt das wieder. Ida zahlt heim in gleicher Münze und in bar. Und bei besonders renitenten Menschen wie mir, sägt sie gleich noch ein bisschen am Stuhlbein, damit schnell wieder klare Verhältnisse herrschen.

„Jawohl, Ida!“  Ich habe verstanden. „Möchtest du, dass ich dein Samtkissen jetzt in die Sonne rücke und dir als leichten Vormittagssnack etwas gekochtes Hühnchen serviere?“ Ida springt mit einem eleganten Satz aufs Sofa, ihr Blick streift mich dabei nur. „Warum nicht gleich so?“ ist darin zu lesen, „Aber das Huhn bitte auf meinem Goldtellerchen.“ Ich muss zugeben, heute ist sie die Gewinnerin auf der ganzen Linie.

Ida kam, sah und siegte.

Kommentare:

  1. Respekt Ida, das habe noch nicht einmal ich geschafft. Von dir kann ich ja noch was lernen.
    Liebe wauzis von Emma

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