Mittwoch, 30. Mai 2012

Sicher im Urlaub



Ich hab hier alles im Blick!
Wenn sechs Menschen und drei Hunde ihren Urlaub gemeinsam in einem Ferienhaus verbringen, müssen einfach gewisse Regeln gelten, meinen unsere Hunde. Sie lieben strukturierte Tage, worunter sie hauptsächlich regelmäßige Mahlzeiten gefolgt von ausgedehnten Ruhezeiten verstehen. Als unsere Familie zu Pfingsten ein Ferienhaus in Dänemark bezog, legten wir deshalb zuallererst große Fleischpakete mit Hundefutter in den Kühlschrank, damit die Hunde sehen, dass die Versorgung auch fern von zu Hause gesichert ist. Noch bevor wir unsere Koffer auspackten, verschoben wir die Möbel im Ferienhaus, um an den schönsten Plätzen Hundekissen auszulegen oder Körbchen aufzustellen. Karlsson, Ida und Lotta beobachteten uns dabei zufrieden.

An mir kommt keiner ungesehen vorbei!
Erschöpft von der langen Fahrt und dem anschließenden Auspacken, Umräumen und Möbel schieben ließen wir uns matt auf das Ferienhaussofa sinken und guckten auf die leeren Hundekissen und -körbe. Kein Hund lag an seinem Platz. Lotta ist in der Fremde immer etwas desorientiert, in ihrem hohen Alter dauert es länger, bis sie sich zurecht findet. Also zeigten wir ihr noch einmal ihre Decke, verschoben dieselbe noch mehrmals, bis der Platz Lotta recht war. Dann legte sie sich hin. Ida und Karlsson meinten, dass wir zwar ganz gut für Futter und Ruheplätze gesorgt hätten, aber leider dabei den Sicherheitsaspekt völlig vernachlässigt hätten. Ida wachte deshalb ohne Kissen an der Terrassentür, Karlsson ohne Kissen an der Haustür. Man kennt schließlich die fremden Nachbarn nicht und wer weiß, ob sie es nicht auf unsere Fleischreserven abgesehen haben…

Am nächsten Morgen öffnete sich die Tür des Nachbarhauses und heraus kamen ein Mann und ein Hund. Karlsson knurrte den Border Collie auf dem Nachbargrundstück vorsichtshalber schon mal an. Da das Esszimmer unseres Ferienhauses über bodentiefe Fenster verfügte, konnte Karlsson auf seinem Wachposten den gesamten Nachbargarten mit der Terrasse einsehen und folgte den Bewegungen des Nachbarhundes aufmerksam. Ida wachte derweil weiter an unserer Terrassentür im Wohnzimmer, das ebenfalls bodentiefe Fenster hatte und behielt von dort das gegenüber liegende Haus im Blick, dessen Bewohner ihr offenbar sehr suspekt erschienen. Einer von ihnen hatte es tatsächlich gewagt, aus dem Haus zu kommen und sich im Garten die Nase zu schnäuzen. Das machte Ida ganz nervös. Uns hingegen machten die an den Fensterfronten patrouillierenden Hunde ganz nervös. Damit wenigstens vorrübergehend Ruhe einkehrte, schlossen wir die Vorhänge und bereiteten das Frühstück im Schein der Küchenlampe zu.

Beim Frühstück auf der Terrasse schoben wir die Hundedecken lange hin und her, bis Karlsson und Ida möglichst wenig Ausblick auf die Nachbargrundstücke hatten. Als wir uns endlich an den Frühstückstisch setzten, beschloss der Nachbar mit seinem Hund einen Spaziergang zu machen und ging an unserem Garten vorbei, was zu frenetischem Gebell unter unserem Frühstückstisch führte. „Wenn man in Sicherheit investiert, finden Hunde das immer gut.“, sagte mein Mann, der kürzlich ein Seminar für Hundehalter besucht hatte und nun fest entschlossen war, das Gelernte in die Tat umzusetzen. „Lasst mich nur machen.“, sprach er weiter, stand vom Tisch auf und stellte sich breitbeinig mit in die Seiten gestützten Armen zwischen unserem Frühstückstisch und dem vorbei spazierenden Nachbarn auf. Er durchbohrte Herrn und Hund mit Blicken und rief: „Hallo!“, was bei seiner Körperhaltung und Stimmlage eher an das „Halt! Zoll!“ eines uniformierten Grenzers erinnerte. Der fremde Hundehalter fühlte sich dadurch offensichtlich nicht zu einer nachbarschaftlichen Plauderei aufgefordert und ging zügig weiter. Das Gebell verstummte und Karlsson drehte seinen Bauch genüsslich in die Sonne, um umgehend einzuschlafen. Anscheinend war seinem Sicherheitsbedürfnis damit Genüge getan.

Auch am Strand verfolgte mein Mann seine Strategie weiter. Immer, wenn die Hunde drohten, in Gebell auszubrechen, stellte er sich vor uns und fixierte die Vorbeikommenden Zwei-und Vierbeiner mit Blicken. Unser Ferienhausnachbar und sein Hund waren inzwischen auch am Strand angekommen und gingen dort an uns vorbei. Mein Mann stellte sich in Positur und rief ihm ein eindringliches „Guten Morgen!“ (Fahren Sie mal rechts ran!) entgegen. Der Nachbar hastete mit gesenktem Blick weiter, Karlsson buddelte vergnügt im Sand und mein Mann drehte sich zu uns um und sagte: „Der Nachbar ist komisch. Der grüßt gar nicht zurück!“

Auch Ida war schwer beeindruckt von den Kontrollfähigkeiten meines Mannes. Aber während Karlsson seine Wach- und Schutzaufgaben entspannt in Herrchens Hände legte, sah Ida sich eher in der Rolle der Hilfspolizistin. Sie stürzte sich mit ihren ganzen fünfeinhalb Kilo Lebendgewicht vor ein an unserem Garten vorbeifahrendes Auto, um es anzuhalten. Was ihr zum Glück auch gelang, denn sonst wäre sie unter dem Auto gelandet. Uns stockte der Atem. Der Fahrer stoppte rechtzeitig und unsere gesamte Familie eilte auf die Straße, um Ida wieder einzufangen. Als wir im sicheren Garten erleichtert die angehaltene Luft wieder ausatmeten, muss sich dabei unser Griff um Ida versehentlich gelockert haben, denn sie entkam uns, um noch einmal laut bellend hinter dem abfahrenden Auto herzulaufen. Irgendwann machte sie kehrt und kam beleidigt zu uns zurück. „ He, ihr habt den fahren lassen, ohne seinen Kofferraum zu kontrollieren!“, bellte sie uns an.

Fortan folgten wir alle dem Beispiel meines Mannes für sicherheitsgerechtes Verhalten am Urlaubsort. Jedes Mal, wenn Ida wie ein kleiner Seismograph die Anwesenheit eines Nachbarn im Garten ankündigte („grrrr, wuff, wuff), sprangen wir auf und rannten auf die Wiese vor unserem Ferienhaus, um dem armen Urlauber, der es gewagt hatte, seine Nase aus der Tür zu stecken, strafende Blicke zu zuwerfen. Unsere Hunde bewunderten uns dafür sehr und waren stolz auf uns, weil wir auf diese Weise jeglichen Angriff auf uns und unsere Fleischreserven im Keim ersticken konnten. Nur gegen die Heerscharen von Mücken, die uns jede Nacht überfallen haben, hat das Sicherheitskonzept nicht gewirkt. Das war aber die einzige Lücke.
Da hinten kommt doch schon wieder dieser Nachbar!

Dem werd' ich was erzählen!

Kommentare:

  1. Ja, Hund hat es eben nicht einfach. Das war bestimmt anstrengend auf alles aufzupassen. Aber schließlich waren sie ja zu dritt. Da ist Arbeitsteilung schon wichtig. Und wenn Herrchen mit gutem Beispiel voran geht, um die Leute zu grüßen, warum sollte Hund dann nicht auch seinen Senf dazu geben.
    Ein Glück das Ida nicht´s passiert ist.
    Liebe Grüße vom Emma und Lotte Frauchen

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  2. Terrierhausen - mein schlechte Laune-Vertreiber. Dankeschön!

    War der Sicherheitkurs an Natural Dogmanship angelehnt?
    Mir liegt diese Theorie nicht. Mir wurde auch erklärt, wenn ich in fremdes Gebiet fahre, oder in den Garten der Freundin und meine Hündin die Grenzen abschreitet, oder sich unpassend, oder unsicher verhält, dass ich dann das Grundstück abschreiten muss und an den strategischten Punken mit den Füßen scharren soll und so meinen Geruch hinterlassen muss - nun ja - ich kann das einfach nicht - vielleicht funktioniert es aber?

    Liebe Grüße - und - sollten wir uns einmal in Dänemark begegnen - ich werde euch erkennen *grins*

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    1. Wir erziehen unsere Familienhunde zwar weitest gehend nach den Richtlinien von Natural Dogmanship, aber scharren dabei weder mit den Füßen noch hinterlassen wir Gerüche (jedenfalls nicht absichtlich). Fremdes Gelände erstmal abzuschreiten kann durchaus Sinn machen, kommt auf die Situation und den Hund an. Natural Dogmanship macht auf Außenstehende oft einen etwas befremdlichen Eindruck. Es verlangt ja auch ziemlich radikales Umdenken. Das Gute ist aber, dass es für jedes Mensch-Hund Team eine individuelle Lösung gibt. Was ich klasse finde, denn es werden nicht Hütehunde, Schutzhunde und Terrier, die ja alle sehr unterschiedliche Veranlagungen und Bedürfnisse haben, über einen Kamm geschoren. Dazu braucht es allerdings eine kompetente Beratung durch eine zertifizierte Hundeschule. Seit wir uns die Hände unserer ebenso liebe- wie phantasievollen Natural-Dogmanship-Instruktorin begeben haben, ist das Leben von Karlsson und mir jedenfalls wesentlich schöner und einfacher geworden. Liebe Grüße und auf ein baldiges Treffen in Dänemark!

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    2. Danke für die ausführlichen Zeilen und bis bald am Strand. Vor Dänemark kommt zu Weihnachten/Silvester Usedom dran - bis auf Silvester - auch schön leer und übersichtlich.
      Ganz liebe Grüße!

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