Dienstag, 21. Mai 2013

Fräulein Ignoranzia

Polly zwischen pubertärem Übermut und Grenzüberschreitung

Viele Menschen beschweren sich über das kühle Schauerwetter in diesem Frühjahr. Ich gehöre nicht dazu. Von jedem Hundespaziergang kehre ich schweißgebadet wieder Heim. Noch höhere Temperaturen kann ich deshalb gar nicht gebrauchen und ob sich auf der Stirn ein paar Regentropfen mit den Schweißperlen vermischen, fällt mir gar nicht weiter auf. Kaum haben wir nämlich das Haus verlassen, strebt Polly eilig voran. Karlsson denkt sich: „Wenn die vorne geht, gehe ich aber noch weiter vorne!“ Ich, am anderen Ende der Hundeleinen, habe inzwischen eine Körperhaltung wie beim Wasserskifahren eingenommen. „Ruhig, Brauner, ruhig!“, höre ich mich rufen, denn die Leinen in meinen Händen fühlen sich an wie die Zügel zweier Kaltblüter vorm Bierwagen.

Zwei Terrier können Kräfte entwickeln
 wie zwei Brauereigäule!
So geht es nicht. Ich rufe alle zur Ordnung. Die Hunde sortieren sich rechts und links neben mir ein. Spätestens nach eineinhalb Metern Fußweg hat Polly ihre Position wieder verlassen und prescht voraus. Karlsson beschwert sich: „Das darf die nicht!“ „Nein, natürlich nicht“, beruhige ich ihn und hole Polly zurück. Die springt wie ein Flummi vor und zurück, vor und zurück. „Polly“, ermahne ich sie, „bleib bei mir!“ „Ich seh‘ dich nicht, ich seh‘ dich nicht!“ ruft Polly und zerrt vorwärts. „Polly!“, rufe ich noch einmal, schon einigermaßen entnervt. „Und hören kann ich dich auch nicht!“, ruft sie zurück.

Es ist unschwer zu erkennen: Polly befindet sich mitten in der Pubertät. Das Frauchen ist peinlich, die Hundeschule nervt und das Leben ist fürchterlich anstrengend. Kein Wunder, dass Polly die Anforderungen, die an sie gestellt werden, nun gerne mal ignoriert. Trotzdem weigere ich mich, mit einem wild an der Leine zerrenden Hund vorwärts zu gehen. Wir haben schließlich Regeln. Ich bleibe stehen und warte, bis sie sich neben mir einsortiert hat. Dann geht es eineinhalb Meter vorwärts, stehen bleiben, warten, bis Polly wieder neben mir ist, eineinhalb Meter voran… „Mann, die nervt“, nörgelt Karlsson, dem es natürlich nicht schnell genug geht.
Irgendwie schaffen wir es trotzdem bis zur nächsten Wiese. „Hurra!“, brüllt Karlsson als der erste Dummy fliegt. Mit einem wilden Apportierspiel entschädige ich ihn für die mühsame Anreise. Polly guckt interessiert zu. Ich werfe den Dummy und rufe: „Los Polly, schnapp ihn dir!“ Sie prescht los, biegt kurz vor dem Dummy scharf nach links ab und schnüffelt sich durch den nächsten Graben. „Lass mich, lass mich!“, bettelt Karlsson, „Ich bin der bessere Jäger.“ Ich meine aber, Polly sollte meinen Anweisungen Folge leisten und sich nicht so offensichtlich desinteressiert von uns weg schnüffeln. Also schicke ich sie nochmal. Lustlos trabt sie zum einsam in der Wiese liegenden Dummy, stupst ihn mit der Nase an und sagt: “Hier liegt er. Wenn du ihn zurück haben willst, kannst du ihn ja abholen.“ Und kommt ohne Beute zurück. Karlsson: „Lass mich, lass mich, ich erledige das!“ Ich will mir Pollys Unverschämtheit nicht gefallen lassen und schicke sie wieder. Diesmal rast sie über die Wiese, am Dummy vorbei, rennt in konzentrischen Kreisen auf der Wiese herum und  immer wieder herum.




Ich vergewissere mich mit einem schnellen Blick, dass die Hochsitze an der Wiese unbesetzt sind und kein Jäger Pollys braunen Kopf, der mal hier mal da aus dem Gras auftaucht, mit einem Reh verwechseln kann, drehe mich um und gehe. Es dauert nicht lange und Polly kommt von hinten angeschossen, wirft den Dummy neben mir ab und fliegt weiter. „Cool, was?“, sagt sie, als wir sie wieder eingeholt haben. Karlsson und ich gucken uns nur an und schütteln den Kopf.

Was macht die da bloß?
Zu Hause beschäftige ich mich mit Dingen, bei denen die Hunde nicht im Mittelpunkt stehen. Schließlich will die Wäsche gewaschen, das Essen gekocht und die Arbeit am Computer erledigt werden. Es gefällt Polly ganz und gar nicht, dass sie nun keine Aufmerksamkeit bekommt. Sie stupst mir in die Kniekehlen, verstreut ihr Spielzeug im Wohnzimmer, zerrt ihre Decke in die Zimmermitte und als ich immer noch nicht hingucke, pieselt sie mir eine Pfütze auf den Teppich. Ich fühle mich, als hätte mir meine 14jährige Tochter soeben eröffnet, dass sie am kommenden Sonnabend mit einem Freund und dessen Auto in die 100 Kilometer entfernte Großstadt in eine Disco fahren und dort bei einem Bekannten übernachten will. Gerade will ich Luft holen und eine Auseinandersetzung über Regelverstöße vom Zaun brechen, da knurrt Karlsson: „Schnepfe!“ Und irgendwie ist damit auch alles gesagt, finde ich.

 

Kommentare:

  1. hahaha - die Schnepfe kann ja nix dafür - sind ja alles díe Hormone (wie praktisch) und wer das niedliche Bildchen sieht, der mag ein freches Verhalten der süßen Maus so gar nicht glauben ...

    Liebste Grüße und sehr viel Geduld und Nerven wünschen - Monika und Bente

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  2. Vielleicht liegt's an der Rasse, aber ich mach' das ganz genauso, wie die Polly: Zeigen wo's liegt und gut ist es. Holen kann sich das der, der's haben will ;)
    LG, Enya

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  3. Pubertät, da sind Menschen wie Hunde gar nicht so unterschiedlich. In beiden Fällen benötigt das Umfeld gute Nerven "hat mein Frauchen gesagt". Die muss es wissen, denn die letzten Monate hatte ich diese Phase. Ohren auf Durchzug und nur Blödsinn im Kopf, daneben schmusebedürftig bis an den Bach. Tröste dich - mit zunehmendem Alter heilen die meisten Flausen von selbst aus.
    Ayka vom Jurasüdfuss

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  4. *lach* Das ist ja wieder eine tolle Geschichte! Und so richtig typisch Terrier. Aber Frauchen, du musst auch verstehen, wir sind Jagdhunde - keine Apportierhunde. Und gerade, weil wir unseren eigenen Kopf haben, liebt ihr uns doch so!

    Mein terriermäßiges Mitgefühl an Polly, die von ihrem Zweibeiner wieder mal nicht verstanden wird.

    Wuff-Wuff Chris

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    1. Noch eine kurze terriermäßige Störung an euch - wir haben euch getagged: http://chris-vom-jahnsteinhof.blogspot.de/2013/06/ich-wurde-getagged-und-nun.html

      Würde mich freuen, wenn ihr mitmacht.

      Wuff-Wuff Chris

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  5. Oh, oh, liebe Silke,

    Du hast noch sehr viel Arbeit vor Dir und brauchst verd...t viel Geduld bis aus dem TuS Hormonika DER TuS Conkordia von Terrierhausen wird.

    Was der Karlsson kann, wird doch auch Polly lernen....
    hofft Renate

    Ach was, Polly ist ein echter Terrier, ich seh´s am kecken Stehohr, das bedeutet: Lauscher an und aus, grad wie es uns gefällt.... ha, bleib so
    hofft Jule *kicher*

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  6. Hi, da kann ich als echte Monsterbacke nur meinen sturen Hovikopf schütteln: So sind sie - die Mädels mit ihren - ach so kleinen Zickereien - wie gut zu lesen....es geht mal nicht um uns Rüpel
    ;-).......wir haben halt echte Männerherzen und verdrehen ihnen ihren Kopf und dann sind sie eben ganz schön im Stress so auf dem Weg in das Erwachsenenalter....wie bei den Zweibeinern halt.
    Wuff und LG
    Aiko

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  7. Es tut mir so leid ... ich kann kaum noch atmen vor lauter Lachen :) Ich habe selten so einen bildlichen Eindruck gehabt wie eben. Ich habe euch wirklich gesehen.
    Leider kann ich auch die Gefühle gut verstehen - mit den beiden wird es sicher nicht langweilig ;)
    Da hilft nur "Augen zu und durch". Wenn die Pubertät hinter euch liegt, dann kommen diese Phasen nur noch vor, während und nach der Läufigkeit - also quasi zweimal jährlich für 5-6 Monate :)

    Liebe Grüße,
    Isabella mit Damon und Laika

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  8. Ja, die Pubertät ... so lange ist sie bei uns noch nicht her und ganz selten stattet sie uns auch heute noch dann und wann einen Besuch ab ;-) Lilly findet, dass Polly alles richtig macht, denn (angeblich) mögen es die Zweibeiner, wenn sie einen einmaligen (charakterstarken) Hund an ihrer Seite haben. Jaja kann ich da nur sagen und wünsche euch bald eine pubertätfreie Zone ;-)

    Liebste Grüße

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  9. Hallo Polly,

    mensch, dich würde ich allzugerne kennenlernen!!! irgendwie sind wir uns naemlich sehr aehnlich!!! also du bist zwar noch etwas jünger als ich, aber mir scheint's als ziehst du schon ganz schoen kraeftig an der Leine!! also, ich ziehe immer wie ein Wilder (bin ja schliesslich auch ein Jagdhund) und meine Zweibeinerin sagt immer, ihr scheint es, als mache sie mit mir Wasserski auf den Feldern!! also, besser gesagt: Feldski!!
    auch ist ihr linker Arm schon erheblich laenger, als der rechte, was aber meiner Meinung nach auch nicht weiter schlimm ist, denn so kommt sie besser an die Küchenschraenke ran, wo meine Leckerlies aufbewahrt sind!!!
    Mach nur weiter so Polly und lass dich nicht zu sehr dressieren, ok?

    Ciao
    Cosimo

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  10. Ich habe mich gerade köstlich amüsiert.
    Wie gut, dass "WIR" schon so lange aus der Pupertät raus sind, nicht wahr Angus ?
    Es ist wie mit Kindern - manchmal fragt man sich "Wie habe ich das verdient?" und dann ist man wiederum froh, charkaterstarke Wesen in die Welt gesetzt zu haben und dann ... *Hihihi*, ein Kreislauf ohne Ende.
    Aber ihr schafft das schon. Karlsson ist doch er beste Beweis :-)))
    Und - wahrscheinlich WOLLEN wir das auch, sonst würden wir uns keinen Hund zulegen, sondern eine Gartenschnecke.
    Ich freu mich auf viele weitere aufregende Geschichten von der "Schnepfe".
    Herzliche Grüße
    Manou

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  11. oh oh, das kommt mir alles sehr bekannt vor.
    Da hilft nur Ruhe bewahren;-)

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  12. Hach ja (seufz). Die Pubertät! Zum Glück geht die vorüber ...Aber ich persönlich finde, dass man Polly den Schabernack direkt ansieht :-) Deshalb glaube ich in diesem Falle, dass das Kind im Hunde doch länger erhalten bleibt ;-) Wir wünschen Eurem lustigen Trüppchen weiterhin viel Spaß, Eure Sylvie mit Dackelina Lucy

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  13. Hach,dann gehts ja etwas hektisch bei euch zu,nun müßt ihr da durch.
    Ich schicke ganz viel Geduld und Entspannung zu euch,spürt ihrs???;0)
    Trotz Allem,habt einen wunderbaren Freitag.
    Liebe Grüße,
    euer muffin

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  14. Habe ich doch glatt einen Bloggbeitrag von einem meiner Lieblingsbloggs verpasst! HERRLICHER Post!!! Ich habe mich kringelig gelacht und kann mir dich als "fliegenden Fridolin" am anderen Ende der Leine nur gut vorstellen!
    Liebe Grüße
    Sali

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